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Im Gespräch: Paartherapeut Arnold Retzer : „Reine Liebe ist mit dem Leben unvereinbar“

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Es handelt sich also nicht um einen Trick, mit dem ich meine Beziehung garantiert retten kann.

Vielleicht wird ein Neuanfang möglich. Vergebung kann aber auch das Ende der Beziehung bedeuten, wenn meine Ansprüche die letzte Klammer waren, die uns zusammengehalten hat.

Was kann ich tun, damit es von vornherein weniger Streit gibt?

Streit ist nichts Schlechtes, im Gegenteil: Streit gibt es nur dort, wo man sich nahekommt. Wir haben in intimen Beziehungen das unlösbare Problem, dass wir den Widerspruch zwischen Nähe und Distanz, zwischen Gebundenheit und Freiheit ausbalancieren müssen. Jeder Versuch, nur auf die Freiheit oder nur auf die Gebundenheit zu setzen, führt meiner Meinung nach in die Katastrophe. Da kann Streit eine gesunde Möglichkeit sein, diese Balance wiederherzustellen. Dieses unangenehme Gefühl beim Streiten, dass man eben nicht ein Herz und eine Seele ist, führt wieder zu der nötigen Distanz. Insofern sind Konflikte aus meiner Sicht hochwirksam für das Funktionieren von Paarbeziehungen.

Dann ist es ein gutes Zeichen, wenn ich den anderen „Mistkerl“ nenne und mit Tellern schmeiße?

Wenn man Ikea in der Nähe hat, kann auch Tellerwerfen vernünftig sein. Wichtig ist, dass man aus seinem Herzen keine Mördergrube macht. Sonst staut sich der Ärger an und verwandelt sich in Unzufriedenheit, Ekel und Hass, in Gefühle, die keine Möglichkeit zur Auseinandersetzung mehr beinhalten. Streit ist ein Beziehungsangebot.

Auf diese Weise werden dann auch die Probleme gelöst.

Ich weiß nicht, ob das eine so vernünftige Idee ist. Vielleicht hat der Partner einfach eine andere Vorstellung von der Welt, von der Paarbeziehung, von der Kindererziehung. Das kann sogar bereichernd sein. Ein gutes Ergebnis eines guten Streits kann sein, dass es Dinge gibt, über die man sich nicht einigen kann. Ich nenne das resignative Reife.

Soll ich mich einfach damit abfinden, dass mein Mann seine Sachen überall herumliegen lässt und einen Bierbauch kriegt?

Nein, Sie sollen ruhig darüber streiten. Aber glauben Sie nicht, dass es in Ihrer Macht steht, den Bierbauch zu verhindern. Ein Problem ist doch nichts anderes als eine negativ bewertete Soll-Ist-Differenz. Ein Bierbauch ist nur problematisch, wenn Sie ihn negativ bewerten und in den Adel eines Problems erheben. Sie sind also die Produzentin des Problems. Und es gibt zwei Möglichkeiten der Lösung: Entweder der Bierbauch passt sich Ihren Vorstellungen an. Oder Sie ändern Ihre Einstellung. Viele altgediente Paare stellen irgendwann fest, dass ihre Versuche, den Partner zu verändern, nur minimale Ergebnisse gebracht haben. Dafür waren die Kosten unverhältnismäßig hoch.

Sie empfehlen, sich im Streitfall eine Clownsnase aufzusetzen oder sich mit Wasserpistolen zu bewaffnen. Ist das nicht absurd?

Ich mache diesen Vorschlag, gerade weil er absurd ist. Viele Paare versuchen in todernsten Diskursen ihre wahren Probleme zu ergründen. Dadurch wird ein ganz wesentliches Element gelingender Ehen ausgeblendet, nämlich Humor. Lachen ist eine hervorragende Möglichkeit, um mit dem Elend von Paarbeziehungen besser zurechtzukommen. Das Signal, es ist nicht ganz ernst gemeint, schafft möglicherweise wieder Räume, in denen man sich begegnen kann. Oft reicht schon der Gedanke an Wasserpistolenduelle, und ein verfahrener Prozess wird unterbrochen.

Bedeutet Vernunft denn, alles für den Bestand der Ehe zu tun?

Das klingt nach einem hochgesteckten moralischen Programm. Der Fortbestand der Ehe kann vernünftig sein, ist aber nicht alles. Es genügt, sich selbst und sein eigenes Wohlbefinden nicht zu vergessen. Oft reicht es, sich zu fragen: Wie verändert sich meine Lebensqualität, wenn ich auf Gerechtigkeit bestehe? Was bringen Kämpfe um Bierbäuche? Habe ich mir mit meinen Rachefeldzügen vielleicht eher geschadet? Vernunft kann durchaus selbstsüchtig sein.

Der Paartherapeut Arnold Retzer, Jahrgang 1952, ist Facharzt für Psychotherapeutische Medizin. Er studierte Medizin, Psychologie und Soziologie und arbeitete als wissenschaftlicher Mitarbeiter, später als Oberarzt an der Abteilung für psychoanalytische Grundlagenforschung und Familientherapie der Universität Heidelberg. 2004 gründete er das Systemische Institut Heidelberg, das er bis heute leitet. Er bildet Therapeuten und Berater aus, lehrt als Privatdozent und hat ein Standardwerk zur Systemischen Paartherapie verfasst. Sein Buch "Lob der Vernunftehe - Eine Streitschrift für mehr Realismus in der Liebe" ist soeben bei S. Fischer erschienen (18,95 Euro). Retzer ist seit 22 Jahren verheiratet und hat drei erwachsene Kinder. Er lebt in Heidelberg. sha.

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