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Im Gespräch: der Linguist Lothar Lemnitzer : Ein bisschen mabbern zum Mondscheintarif

  • Aktualisiert am

Bild: Andreas Pein

Lothar Lemnitzer sammelt Wörter wie Bahnruinator und Glühbirnentöter - neue Wortschöpfungen, die er in den Medien findet. Nicht jedes wandert in den Duden. Denn dafür brauche es eine gewisse Schöpfungshöhe, sagt der Linguist.

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          Soeben hat das Goethe-Institut das Jahr der deutschen Sprache ausgerufen. Mit ihr kennt Lothar Lemnitzer sich aus wie kaum ein anderer. Wenn ein neues deutsches Wort zur Welt kommt, ist er der Standesbeamte, der seine Geburt beurkundet. Der Linguist im Dienste der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften betreibt seit dem Jahre 2000 die Internetseite www.wortwarte.de, für die er täglich Medien nach bisher unbekannten Wörtern durchkämmt. Über seine Funde hat er 2009 im Duden-Verlag das Buch „Hirndiebstahl im Sparadies. Was so (noch) nicht im Duden steht“ veröffentlicht.

          Wozu braucht eine Sprache überhaupt neue Wörter?

          Neue Wörter werden dann geprägt, wenn neue Gegenstände oder Sachverhalte benannt werden müssen. Zum Beispiel die Abwrackprämie. Der zweite wichtige Grund ist die nachträgliche Unterscheidung von Dingen. Ein Beispiel: Als das Telefon typischerweise die Wählscheibe hatte, da hieß dieses Telefon einfach Telefon. In dem Augenblick, wo das Tastentelefon kam, musste man es Wählscheibentelefon nennen. Drittens: Dinge sollen pointiert benannt werden, vor allem in der Politik. Die Herdprämie war sogar Unwort des Jahres 2007. Vierter Grund ist das Bedürfnis nach Abgrenzung. Im sehr produktiven Bereich der Jugendsprache werden jeden Tag neue Wörter geprägt, die dazu dienen, die eigene Subkultur von anderen Gruppen zu unterscheiden.

          Wortwart der Deutschen: Lothar Lemnitzer
          Wortwart der Deutschen: Lothar Lemnitzer : Bild: Andreas Pein

          Woran erkennen Sie, ob ein Wort wirklich neu ist?

          Zum einen habe ich im Hintergrund Wortdatenbanken, die aus großen Textsammlungen extrahiert worden sind. Durch die kann alles schon mal Gesehene herausgefiltert werden. Den Rest schaue ich mir Wort für Wort an. Dabei stoße ich natürlich auf viele Eigennamen und Falschschreibungen und auch sehr viele banale neue Wörter wie BVB-Transfer, die nicht den Reiz und Charakter eines neuen Wortes haben, da ihre Bildung ganz leicht durchschaubar ist. Ein Neuwort muss eine gewisse Schöpfungshöhe haben.

          Wie werden neue Wörter im Deutschen eigentlich gebildet?

          Es gibt sehr wenige wirkliche Neuprägungen von einfachen Wörtern wie simsen. Das Gros der neuen Wörter sind Zusammensetzungen wie eben Abwrackprämie und Ableitungen. Nehmen wir das Wort „skypen“ - daraus kann ich dann „anskypen“ bilden: „Ich skype meinen Freund an“, und dieser Freund ist anskypebar. Durch das Hinzufügen von Vor- und Nachsilben lassen sich sehr schön und flexibel neue Wörter bilden. Und ein großer Fundus neuer Wörter sind Fremdsprachen: das Lateinische und in diesen Tagen natürlich vor allen Dingen das Englische.

          Sind Fremdwörter also eine Art von Neuwörtern, weil sie ja Benennungslücken schließen?

          Häufig handelt es sich um einen neuen Sachverhalt, der auch in der Fremdsprache noch neu ist, wie etwa Streaming oder in einer etwas zurückliegenden Zeit Laptop. Noch ein schönes Beispiel ist das Wort kid. Darüber haben sich Sprachrichter aufgeregt, da es das deutsche Wort Kind verdränge. Aber wenn man genauer hinguckt, sieht man, dass Kid und Kind auf verschiedenen Stilebenen gebraucht werden, Kid eher umgangssprachlich und als Selbstbenennung von Jugendlichen. Und das entspricht im Englischen der Unterscheidung zwischen dem standardsprachlichen child und dem umgangssprachlichen kid. Da wirkt kein Verdrängungsprozess, sondern eine sprachliche Lücke wird erschlossen. Die Ausdrucksmöglichkeiten bereichern sich, indem wir verschiedene Wörter für verschiedene Stilebenen haben.

          Oft bekommt man ja den Satz zu hören: Das Wort gibt es nicht, es steht nicht im Duden. Das wäre also totaler Quatsch?

          Ja. Es ist in der Tat so, dass neue Wörter irgendwann, falls sie oft genug gebraucht werden und eine gewisse Schöpfungshöhe haben, auch in die Datenbank der Dudenredaktion wandern. Aber dass etwas nicht im Duden steht, ist natürlich kein Kriterium. Interessant ist die Frage bei Streitfällen: Heißt es „die Flyers“ oder „die Flyer“? Oder muss ich den Bundesbanker mit ä aussprechen?

          Worin unterscheidet der Banker sich eigentlich vom Bankier und vom Bankangestellten?

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