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Deutsche frisch vermessen : Mehr Brust, mehr Taille, mehr Hüfte

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Jetzt soll es nicht mehr zwicken: Model bei einer Vermessungs-Vorführung in Köln

Jetzt soll es nicht mehr zwicken: Model bei einer Vermessungs-Vorführung in Köln Bild: AP

Der Bund kneift, die Schulter schlabbert, die Ärmel sind zu kurz, die Hosenbeine zu lang: Irgendetwas stimmt nicht mehr mit den Größen beim Kleiderkauf. Das wird sich bald ändern: Die Deutschen sind nun dank „Size Germany“ frisch vermessen.

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          Der Bund kneift, die Schulter schlabbert, die Ärmel sind zu kurz, die Hosenbeine zu lang: Irgendetwas stimmt nicht mehr mit den Größen beim Kleiderkauf. Und das liegt nicht nur an subjektiven Faktoren wie der eigenen Befindlichkeit oder dem persönlichen Winterspeck. Es liegt auch an den objektiven Messgrößen: So wurden die Körpermaße deutscher Männer und Jungen zuletzt vor drei Jahrzehnten in einer repräsentativen Reihenmessung erhoben. Wir passen nicht mehr in die Kleider – und die Kleider passen sich uns nicht mehr richtig an.

          Damit soll nun Schluss sein. Jetzt soll es nicht mehr zwicken. „Die Deutschen gehen in die Höhe – und in die Breite. Wir nehmen zu“, stellt Andreas Seidl gnadenlos fest. Der Geschäftsführer von Human Solutions gehört zu den Initiatoren der Deutschen Reihenmessung „Size Germany“, deren Resultate am Dienstag in Köln präsentiert wurden. Jahrelang haben der Bodyscanner-Hersteller Human Solutions und das Marktforschungsunternehmen Hohenstein Institute 13.362 Frauen, Männer und Kinder in Deutschland vermessen. Mit Hilfe der so gewonnenen Daten will die Bekleidungsindustrie ihre Passformen verbessern.

          Die Ergebnisse sind nicht eben schmeichelhaft

          Die Messung war laut Seidl überfällig, da die letzten Erhebungen lange zurückliegen – bei den Frauen wurde zuletzt 1994 Maß genommen. Zudem ist eine Harmonisierung der Kleidergrößen in ganz Europa in der Diskussion, für die ebenfalls neue Daten nötig sind. Kinder wurden bisher gar nicht erfasst. Außerdem hat auch die Autoindustrie ein großes Interesse daran, den Fahrzeuginnenraum besser zu gestalten. Daher gehören zu den rund 100 Unternehmen, die das 1,1 Millionen Euro teure Projekt finanzieren, nicht nur C&A, H&M, Metro, Boss und S. Oliver, sondern auch BMW und Volkswagen.

          13.362 Maenner, Frauen und Kinder im Alter zwischen 6 und 87 Jahren wurden im Rahmen der Deutschen Reihenmessung SizeGermany vermessen.
          13.362 Maenner, Frauen und Kinder im Alter zwischen 6 und 87 Jahren wurden im Rahmen der Deutschen Reihenmessung SizeGermany vermessen. : Bild: AP

          Die Ergebnisse sind nicht eben schmeichelhaft für den Otto Normalverbraucher. Seit 1994 ist die Durchschnittsfrau um 0,9 Zentimeter auf 1,658 Meter gewachsen. Ihr Brustumfang hat um 2,3 auf 98,7 Zentimeter zugelegt, der Hüftumfang um 1,8 auf 102,9 Zentimeter. Die Zunahme an der Taille um 4,1 auf 84,9 Zentimeter entspricht laut Seidl sogar „mehr als einer Konfektionsgröße“.

          Männer sind heute um 3,2 Zentimeter größer als 1980

          Die Männer sind heute im Durchschnitt mit 1,791 Metern um 3,2 Zentimeter größer als 1980. Dabei zeigt sich, so Seidl, „dass die jüngeren Männer immer größer werden“. So kommen die Männer zwischen 36 und 45 Jahren auf 1,81 Meter, während die zwischen 46 und 55 Jahren nur eine Körpergröße von 1,79 Metern aufweisen und jene zwischen 56 und 65 sogar nur 1,75 Meter groß sind. Allerdings ebbe der „dramatische Wachstumsprozess“, für den ein höherer Lebensstandard mit entsprechender Ernährung und medizinischer Versorgung als ein Erklärungsansatz dient, allmählich ab. So seien die Männer im Alter von 26 bis 35 Jahren nur noch sechs Millimeter größer als die Altersgruppe zwischen 36 und 45 Jahren. Der Schrumpfungsprozess beginnt im Übrigen erst jenseits der 65 Jahre.

          Auch bei den Herren zeigt sich eine Verlagerung hin zu größeren Kleidergrößen. Die Messung ergab einen Brustumfang von 106,1 (plus 7,3) Zentimeter, eine Taille von 94,7 (plus 4,4) Zentimeter und einen Hüftumfang von 102,9 (plus 3,6) Zentimeter.

          Die Kunden richtiger anziehen

          Mit Hilfe der Daten sei es nun möglich, die Kunden richtiger anzuziehen, sagt Joachim Hensch von Hugo Boss. Die eigenen Erfahrungen würden durch die Messung untermauert. S. Oliver will mehr verschiedene Passformen anbieten, Tchibo die Schnitte der Kleidung optimieren. Dass die Kleidergrößen künftig bei allen Anbietern gleich ausfallen werden, glaubt Thomas Rasch, Hauptgeschäftsführer des Modeverbands German Fashion, allerdings nicht. „Für die eine Zielgruppe muss eine Größe 38 knapp sitzen, für die andere Zielgruppe muss sie lässiger und weiter geschnitten sein.“ An den alten Messdaten haben sich die Hersteller schon lange nicht mehr orientiert. Alle hätten in der Zwischenzeit die Konfektionsgrößen an ihre Kunden angepasst, aber eben nicht einheitlich, stellt Seidl fest. Angesichts der veränderten Körperproportionen werde nun aus der Größe 38 keine 40. Eher werde die Bezeichnung beibehalten und einfach der Taillenumfang vergrößert – „um den Kunden die gelernte Größe nicht wegzunehmen“.

          Aufschlussreich ist die Studie für die Bekleidungsindustrie auch im Hinblick auf die Anteile der Konfektionsgrößen in der Bevölkerung. Bei der Produktion der Kollektionen können sich die Hersteller daran orientieren, wie viel von jeder Größe benötigt wird. Auch regionale Aspekte wurden bei der Messung berücksichtigt „Man weiß jetzt“, sagt Seidl, „welche Größen man sich in Augsburg in den Laden hängen muss.“

          Vermessen wurden die Teilnehmer an 31 Stationen in Deutschland, darunter Schwimmbäder, Hochschulen, Einkaufszentren sowie die Firmensitze von Adidas und Schiesser. „Eben da, wo sich ein bestimmter Kundenkreis aufhält“, meint Seidl. Dabei mussten sich die Freiwilligen mit Badehaube und eng anliegender Unterwäsche in einen 3D-Bodyscanner stellen, der ein bisschen wie eine Umkleidekabine aussieht. Über die vier Säulen tasteten Laserstrahlen die Körperoberfläche berührungslos ab und erfassten 500.000 Messpunkte, aus denen ein elektronischer Zwilling am Computer erzeugt wurde. An diesem wurden 44 Körpermaße für die Bekleidungsindustrie und 53 Körpermaße für die technische Ergonomie genommen. Zudem wurden die Probanden unter anderem zu Hobbys, sportlichen Aktivitäten, Kaufverhalten und bevorzugten Kleidermarken befragt. Dabei stellte sich beispielsweise heraus, dass 54 Prozent ihre Kleidung beim Kauf ändern lassen müssen. Auch das wird sich in Zukunft hoffentlich verbessern.

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