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Hospiz-Bewegung : Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross ist tot

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Kübler-Ross sagt einem Besucher mit dem E.T.-Gruß Hallo. Bild: AP

Elisabeth Kübler-Ross gilt als eine Initiatorin der weltweiten Hospizbewegung, die die Würde Sterbender bis zum Tode achten will. Mit 78 Jahren starb die Wissenschaftlerin, deren Bücher sie weltweit bekannt machten.

          Elisabeth Kübler-Ross wußte vermutlich mehr über den Tod als irgendein anderer Mensch: Das Standardwerk „On Death and Dying“ (deutsch: Interviews mit Sterbenden) aus dem Jahr 1969, für das sie mit mehr als 200 Sterbende sprach, hat sie als Wissenschaftlerin mit Mut und Mitleid ausgewiesen und dafür gesorgt, daß Todkranke in den Hospitälern der Vereinigten Staaten und darüber hinaus nicht mehr in Badezimmer oder Flure geschoben werden, bis es vorüber ist.

          Die gebürtige Schweizerin, die fast ein halbes Jahrhundert in den Vereinigten Staaten lebte, widmete den größten Teil ihres Lebens der emotionalen Betreuung von Sterbenden. Eine ganze Reihe weiterer Bücher der Autorin, die am Dienstagabend in ihrem Haus in Scottsdale, Arizona, im Alter von 78 Jahren starb, vertiefte das Thema. Sie selbst hatte in ihren letzten Jahren nach mehreren Schlaganfällen ihren Tod herbeigesehnt.

          Mitbegründerin der Hospizbewegung

          Kübler-Ross, die gegen den Willen ihrer Eltern Medizin studiert hatte, ging nach Abschluß des Studiums 1957 und der Heirat in die Vereinigten Staaten. In Colorado begann sie eine Fachausbildung für Psychiatrie und übernahm 1965 eine Professur an der Universität Chicago. Zum Schlüsselerlebnis wurde eine Vorlesung vor Studenten über Sterberiten in verschiedenen Kulturen. Zum Schluß ihres Vortrags holte sie eine 16jährige Patientin vor das Auditorium: Das Mädchen litt an Leukämie und sprach mit bewegender Offenheit über ihren nahenden Tod. Solche Begegnungen mit Sterbenden wurden zu ihrem Lebensthema.

          Angst vor dem Tod hatte die Psychiaterin auch im Alter nicht: „Sterben - das ist, als würde man bald in die Ferien fahren. Ich freue mich schon unheimlich“, sagte sie einmal. Sie war überzeugt, daß sie „auf der anderen Seite“ alle Menschen wiedertreffen würde, die sie geliebt hatte. Auf ihre Initiative hin wurden in den Vereinigten Staaten die ersten so genannten „Hospices“ eingerichtet, in denen Sterbenskranke bis zu ihrem Tod liebevoll gepflegt werden. Auch das in Washington gegründete „Childrens Hospital International“ für todkranke Kinder geht auf ihr Engagement zurück.

          Ihre rund zwanzig Bücher wurden in zwanzig Sprachen übersetzt und erschienen in millionenfacher Auflage. Eigentlich vertrat sie - verachtet von den meisten Fachkollegen, aber gläubig verehrt von ihren Bewunderern - die These, daß es keinen Tod gibt. „Sie zerstört aktiv das Werk, das sie aufgebaut hat und das voraussichtlich auch lange nach diesem Zerstörungsversuch existieren wird“, sagte der Psychiater Samuel Klagsbrun. Für ihre Gegner hatte sie nichts übrig: „Diese Leute verweigern sich dem Spirituellen. Aber das ist deren Problem.“

          „Ich habe zuwenig getanzt“

          Die „Königin des Todes“, wie die Zeitungen sie mit einer Mischung aus Respekt und Ironie nannten, sprach offen von den „Geistern“, die über ihren Lebensweg wachten. 1980 gab sie ihnen in der Öffentlichkeit Namen. Mario, Anka, Salem und Willie sagten ihr bis in alle Einzelheiten, was sie tun solle. Dazu gehörte auch die Wahl ihrer Zigarettenmarke. Das hielt Universitäten nicht davon ab, ihr weiter Ehrendoktorhüte und andere Auszeichnungen zu verleihen: Das, was sie getan hatte, blieb weiter ungeheuer wichtig.

          In einem ihrer letzten Fernsehinterviews, das sie dem Sender 3sat 1998 gab, bedauerte sie rückblickend einen Aspekt ihres Lebens: „In der Schweiz wurde ich nach dem Grundsatz erzogen: arbeiten, arbeiten, arbeiten. Du bist nur ein wertvoller Mensch, wenn Du arbeitest. Dies ist grundfalsch. Halb arbeiten, halb tanzen. Das ist die richtige Mischung! Ich selbst habe zu wenig getanzt und zu wenig gespielt.“ Für sie ist klar: Die weit verbreitete Angst vor dem Sterben hat auch mit der Angst der Menschen vor dem Leben zu tun. Wer wisse, daß er sinnvoll gelebt habe, müsse keine Angst vor dem Tod haben.

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