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Homosexuelle in der Türkei : Eine Regenbogenfraktion für Meister Erdogan

Noch die etwas größere Anti-Erdogan-Fraktion: Homosexuelle auf der „Gay Pride“ am 29. Juni in Istanbul. Bild: AFP

Der neue türkische Präsident bekommt Unterstützung von unerwarteter Seite – von Schwulen und Lesben. Nicht alle sind begeistert davon.

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          In Istanbul war sie zuerst zu sehen. Während hoch droben auf der Bühne der Meister zu den Zehntausenden predigte und sinngemäß versprach, er könne Wein in Wasser verwandeln, flatterten drunten über den Köpfen seiner Anhänger außer türkischen Fahnen und den Flaggen der regierenden Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung (AKP) auch die Regenbogenfarben der LSBT im Wind. So wurde es auf Wahlveranstaltungen des neuen türkischen Staatspräsidenten Tayyip Erdogan mehrfach beobachtet. Sich mitten in einer AKP-Kundgebung zu zeigen war mutig von den Fahnenschwenkern der LSBT, denn das ist nicht das Akronym für die Liberalsoziale Bauernpartei der Türkei, sondern steht für Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transsexuelle – eine gesellschaftliche Gruppe mithin, der Erdogans Vorliebe durchaus nicht gilt.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Erst im April hatte Erdogans Justizminister Bekir Bozdag mitgeteilt, die AKP plane, Sondergefängnisse für Schwule und Transsexuelle einzurichten. Als Schutzmaßnahme, hieß es. Ein Oppositionspolitiker hatte zuvor nach der Inspektion von Gefängnissen auf die schlechte Lage von Häftlingen aufmerksam gemacht, deren sexuelle Orientierung vom mehrheitlich gepflegten Brauchtum abweicht. Sie dürften nicht am Hofgang teilnehmen und seien oft von der Benutzung der Gemeinschaftsräume ausgeschlossen. Die AKP duldet diese Ausgrenzung nicht nur im Strafvollzug. Regelmäßig beschimpfen AKP-Politiker Homosexuelle auf übelste Weise.

          Viele homosexuelle Bewunderer Erdogans

          Dennoch hat Erdogan auch homosexuelle Anhänger. Einer der auf seinen Kundgebungen mitjubelnden LSBT-Aktivisten wurde von der Zeitung „Taraf“ mit der Aussage zitiert, man habe den gegen Erdogan erhobenen Korruptionsvorwürfen nie Glauben geschenkt: „Wir können Erdogan allenfalls beschuldigen, dass er unsere Herzen gestohlen hat.“ Es gebe viele homosexuelle Bewunderer des starken Mannes von Ankara, unter ihnen „Ärzte, Anwälte und Imame“, versicherte der Informant.

          Einschließlich der Sympathisanten sind es zurzeit offenbar mindestens 1041. So viele „Gefällt mir“ hat die LSBT-Gruppe zur Unterstützung Erdogans zumindest auf Facebook, Stand Donnerstag Mittag. Die Seite zeigt ein Foto einer Erdoganschen Wahlveranstaltung – mit Regenbogenfahne natürlich. Den Sieg Erdogans bei der Präsidentenwahl am vergangenen Sonntag feierte die schwule Plattform der AKP überschwänglich: „Die große Türkei hat gewonnen! Die Nation hat gewonnen. Gott soll unserem Land, unserer Nation, unserer Fahne, unserem Staat Kraft geben! Hand in Hand für die neue Türkei! Mit Kurden, Lasen, Tscherkessen zu Einheit und Gemeinsamkeiten.“

          Auch bei den pompös inszenierten Eröffnungen von Brücken, Tunnels, U-Bahn-Teilstrecken oder unlängst vor der Jungfernfahrt des neuen Hochgeschwindigkeitszugs zwischen Istanbul und Ankara stiehlt sich immer häufiger ein Regenbogenfahnenschwenker hinter Erdogan ins Bild. Über Twitter warnten die schwulen Fans des neuen Präsidenten der Türkei dessen heterosexuelle Wähler vor dem Irrglauben, sie hätten ihn für sich allein: „Die Homosexuellen stehen zu Tayyip Erdogan. Wir sind auf den Kundgebungen, wir sind überall – gewöhnt euch daran!“ Ein anderer zwitscherte nach einer Kundgebung: „Ich habe die Regenbogenflagge in den vorderen Reihen geschwenkt. Unser Ministerpräsident muss sie gesehen haben.“ Er habe sie gesehen – und geschwiegen, ergänzte ein Dritter: „Wir sehen es als ein positives Zeichen, dass er nichts gesagt hat.“

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