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Homosexualität im Islam : Ein Tabu in der Moschee

  • -Aktualisiert am

Offen schwul: Nasser El-Ahmad auf einer Demo gegen Homophobie. Bild: Picture-Alliance

Es ist schwer, Muslim und schwul zu sein. Liberale Gläubige warnen nach dem Attentat in Orlando: Homophobie in den Gemeinden provoziere Hassverbrechen.

          Morgens um 3.20 Uhr ist Marcel Mohamad Schott mit sich im Frieden. Er schließt die Moschee auf, geht zum Platz des Vorbeters, streicht den Gebetsteppich glatt und ruft zum Morgengebet: „Allahu akbar“, Gott ist groß, sind die ersten Worte. Hinter ihm trudeln seine Glaubensbrüder ein und sprechen den Ruf leise mit. Schott reiht sich zwischen ihnen ein. Gemeinsam warten sie auf den Beginn des Gebets. In dieser Gemeinschaft fühlt Schott sich aufgehoben. Aber wenn seine Brüder die Wahrheit über ihn wüssten, glaubt er, wäre es mit dem Frieden vorbei.

          Vor mehr als 15 Jahren konvertierte Schott zum Islam. Gerade ist Ramadan. Schott fastet gewissenhaft. Auch sonst hält er sich an die Regeln, die ihm sein Glaube vorgibt: Er isst kein Schweinefleisch, trinkt keinen Alkohol, betet fünfmal am Tag. In seinem Moscheeverein sehen ihn viele als Vorbild.

          Was sie nicht wissen: Schott ist schwul. Und er fürchtet sich davor, was passiert, wenn seine Brüder das erführen. Seine Rolle als Rufer zum Morgengebet wäre er vermutlich los. Den Schlüssel zur Moschee müsste er abgeben - für Schott wäre das ein emotionales Desaster. Deshalb darf sein richtiger Name hier nicht genannt werden, noch nicht einmal geschrieben werden, in welcher Stadt er wohnt.

          Ist der Islam mit Homosexualität vereinbar? Oder ist die Religion gar generell homophob? Die Frage wird seit dem Anschlag in Orlando auch in Deutschland diskutiert, wieder mal. Der Attentäter Omar Mateen bekannte seine Sympathie zu mehreren islamistischen Gruppen, als er vergangene Woche in einem Schwulenclub 49 Menschen ermordete. Einige Überlebende sagen: Mateen war in dem Laden Stammgast; er soll schwule Datingplattformen genutzt haben. Sein Vater, konservativer Muslim, sagt, sein Sohn könne keinesfalls schwul gewesen sein.

          Religiöses Doppelleben

          Natürlich ist Homophobie kein exklusives Problem des Islams. Auch für diejenigen, die, nur zum Beispiel, die Bibel fundamentalistisch auslegen, gilt gleichgeschlechtliche Liebe als Sünde. Aber eine Woche nach dem Massaker in Orlando scheint es möglich, dass es eine tödliche Mischung aus Schwulenhass und Islamismus war, die den Attentäter antrieb. Und das hat dazu geführt, dass so viele schwule oder lesbische Muslime jetzt davon erzählen, wie schwer es für sie ist, genau das zu sein: homosexuell und muslimisch.

          Zum Beispiel der Konvertit Schott. In seiner konservativen arabischen Gemeinde, sagt er, werde über Homosexualität nicht gesprochen. Es gebe noch nicht einmal negative Äußerungen, nur Schweigen. Das Thema sei tabu.

          Was würde passieren, wenn ein junger Gläubiger eines Tages einen Mann in die Moschee mitbrächte? Wenn er sagen würde: „Das ist mein Freund“? Schott weiß nicht, was er auf diese Frage antworten soll. Hebt hilflos die Hände, sucht nach Worten, dann findet er eins: „Undenkbar.“

          In diesen Tagen mit einem Vertreter der großen muslimischen Verbände über das Thema zu sprechen ist schwer. Es ist Ramadan, und klar: Da ist viel los bei den Gläubigen. Dennoch: Alles, was die Sprecher der Verbände sagen, hört sich nach Ausrede an. Auf die Fragen dieser Zeitung zum Beispiel, ob es ein Problem wäre, als Homosexueller in einer Gemeinde ein Ehrenamt zu übernehmen, antwortet weder die Ditib, die „Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion“, zu der nach eigenen Angaben 896 Gemeinden gehören, noch der Islamrat.

          Auch der Zentralrat der Muslime wehrt alle Fragen ab. Sein Vorsitzender Aiman Mazyek drückte nach den Orlando-Morden in einem Tweet sein Bedauern aus und lässt ansonsten um Geduld bitten: Er äußere sich an diesem Sonntag auf einer Demonstration gegen Rassismus in Hamburg.

          So bleibt nur, aus früheren Wortmeldungen die Haltung der Verbände herauszulesen. Burhan Kesici, Generalsekretär des Islamrates und stellvertretender Vorsitzender der Islamischen Föderation Berlin, sagte im April im Deutschlandfunk: „Es gibt Menschen, die sich als Muslime betrachten und schwul und lesbisch sind, aber ich glaube, man muss schauen, dass der Islam so was nicht akzeptiert.“ Was das in der Praxis bedeutet, für Homosexuelle, die in die Moscheen kommen, sagt er nicht.

          Willkommenskultur und soziale Akzeptanz Homosexueller

          Der Muslim Schott hat sich schon vor lange Zeit dafür entschieden, sein Schwulsein nicht zu leben. Er hat eine Frau geheiratet und mit ihr Kinder bekommen. Er sieht das als seine religiöse Pflicht. Früher habe er seine Sexualität so exzessiv ausgelebt, dass er sich als „Sklave seiner Triebe“ fühlte.

          Der Islam bot ihm einen Ausweg. Seit seiner Hochzeit hat Schott, so erzählt er das, nie wieder Sex mit einem Mann gehabt. Aber verschwunden sei die Anziehung zu Männern nicht. „Wenn ich könnte, würde ich einen Schalter umlegen, um nicht mehr schwul zu sein“, sagt Schott. „Aber anscheinend ist diese Veranlagung von Gott gegeben.“

          Es gibt Muslime, die Homosexualität nicht pauschal ablehnen. Dazu gehören die Gläubigen des Liberal-Islamischen Bundes (LIB). Die Gemeinschaft gründete sich im Jahr 2010, zählt inzwischen um die 250 Mitglieder und hat unter anderem Gemeinden in Köln, Frankfurt und Berlin.

          Ja, unter manchen deutschen Muslimen sei Homophobie sicherlich verbreitet. Das liege primär an den patriarchalen Gesellschaften, in denen alle monotheistischen Religionen aufgekommen sind, erklärt Annika Mehmeti, Mitglied im Vorstand des LIB. Sie fordert eine Willkommenskultur und soziale Akzeptanz in den Verbänden und Moscheevereinen für „LGBTI-Muslime“, also für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender und Intersexuelle. „Es muss sich etwas tun. So lange geduldet wird, dass etwa jemand als ,Schwuchtel‘ beschimpft und womöglich bedroht wird, solange ist auch Hassverbrechen die Tür geöffnet.“

          Trauer in Regenbogenfarben: Solidarität gab es nach dem Attentat in einem Schwulenclub in Orlando weltweit, so auch hier in Kolumbien.

          Nasser El-Ahmad hat am eigenen Leib erfahren, wozu Homophobie führen kann. Am 10. Dezember 2012 wacht er in einem Auto auf, in das er nicht freiwillig eingestiegen ist. 15 Jahre ist der Berliner damals alt. Sein Vater und sein Onkel haben ihn betäubt, vermutlich mit Schlafmitteln, und entführt. Das Auto fährt von Deutschland in Richtung Osteuropa. El-Ahmads Vater zeigt ihm auf dem Handy das Bild eines Galgens. Der junge Mann hat Angst. Er glaubt, seine libanesische Familie will ihn umbringen - weil er schwul ist.

          Verdacht hatten seine Verwandten schon Monate vorher geschöpft. El-Ahmad erzählt, wie ihn Familienmitglieder deshalb mit Kabeln verprügelten, ihn mit Benzin übergossen, drohten, ihn anzuzünden. „Ich bin der älteste Sohn. Ich muss die Ehre der Familie aufrechterhalten“, antwortet El-Ahmad heute lapidar auf die Frage nach dem Grund.

          An der bulgarischen Grenze kann er sich bei Grenzbeamten bemerkbar machen. Die Entführung fliegt auf. El-Ahmad klagt, der Prozess bekam im vergangenen Jahr viel Aufmerksamkeit. Vater und zwei Onkel wurden wegen Entziehung Minderjähriger und Freiheitsberaubung zu einer Geldstrafe verurteilt. Wegen der Gewalt, von der El-Ahmad erzählt, ist seine Familie bisher noch nicht angeklagt worden.

          Inzwischen ist El-Ahmad 19 Jahre alt und lebt in der Nähe des Nollendorfplatzes, dem Hotspot der schwulen Community in Berlin. Auf seinem Facebook-Profil hat er Fotos hochgeladen: Nasser feiernd auf einer Gay-Pride-Parade, Nasser, wie er von einer Dragqueen ein Küsschen bekommt. „Könnte ich das entscheiden, würde ich sagen: Nein, ich bin nicht mehr Muslim.“ Aber sein Glaube sei Teil seiner Identität. „Ich trage den Islam mit mir, ob ich will oder nicht.“

          Viele schwule Muslime fühlen sich wie Marcel Mohamad Schott und Nasser El-Ahmad in einem inneren Konflikt gefangen. Es scheint, als ob sie nur eine Seite von sich voll ausleben, entweder schwul oder Muslim sein könnten.

          Familie und Religion gegen Sexualität

          Und ganz egal, wofür sie sich entscheiden: Der andere Teil in ihnen ist noch da, ungewollt, aber nicht totzukriegen. Orte, an denen sie ganz schwul und ganz Muslim sein können, gibt es in Deutschland offenbar wenige. Die Gemeinden des Liberal-Islamischen Bundes zum Beispiel sind solche Orte, aber noch sind die Gläubigen dort nur wenige.

          Schotts Haltung zur Homosexualität ist inzwischen ambivalent. Was er für sich selbst beschlossen hat, will er nicht verallgemeinern. Ob ein schwuler Muslim seine Sexualität lebt, das müsse er für sich mit seinem Schöpfer ausmachen: „Es gibt nur einen Richter, und das ist Allah.“

          Es stehe keinem Menschen zu, über einen anderen zu urteilen. Schott würde sogar einen Glaubensbruder mit einem Mann nach islamischem Recht verheiraten, wenn er gefragt werden sollte. Der schwule Muslim, Ehemann einer Frau und Familienvater, ist es gewohnt, Widersprüche auszuhalten.

          El-Ahmad erklärt die Prügel, die Entführung und den Hass seiner Eltern auf Schwule mit den tiefverwurzelten Vorurteilen, die seine Familie aus der arabischen Kultur des Libanons mitgebracht habe. Er ist in Berlin-Neukölln geboren und aufgewachsen. Mehr als 60 Prozent der Bewohner dieses Stadtteils haben entweder einen Migrationshintergrund oder sind Ausländer. Araber halten hier zusammen.

          Nassar El-Ahmad wird der „Respektpreis“ für den Kampf gegen Homophobie verliehen. Auch er wurde in seiner eigenen Familie damit konfrontiert.

          Nachdem bekannt war, dass er schwul ist, sei er auf dem Schulhof umzingelt worden, erzählt El-Ahmad. Weil die anderen mal gucken wollten. „Einer, der schwul ist, Muslim und zugleich noch Araber - so was kannten die nicht“. Schwul, so die verbreitete Meinung, seien nur die verdorbenen Deutschen.

          Heute geht El-Ahmad in Schulen und erzählt seine Geschichte. In seiner Sprache, nicht in den Worten der Pädagogen. Er sagt dann: „Ey, Dicker, ich schwöre dir, Homosexualität ist was Normales.“ Einmal fragte ihn ein Junge: „Schwul, das ist gar keine Beleidigung? Das heißt nur, dass zwei Männer sich lieben?“ „Ja genau, schwul ist nur Liebe“, antwortete El-Ahmad.

          Junge Generationen sind aufgeschlossener

          Kennenlernen, Dialog, Veränderung - eine logische Kette. Trotzdem haben es diejenigen Muslime schwer, die Begegnung suchen. 2014 lud Ender Çetin, Gemeindevorsitzender der Şehitlik-Moschee in Neukölln, Schwule, Lesben, Bisexuelle und Transgender in die Moschee ein. Es folgte ein konservativer Aufschrei, der Besuch wurde abgesagt. Der Moscheeverein untersteht die Ditib, die wiederum ein Ableger der türkischen Religionsbehörde Dyanet ist.

          Schließlich fand das Treffen doch noch statt, aber nicht in den Räumen der Moschee, sondern in einer Kirche. Dabei steht Çetin nicht im Verdacht, übermäßig liberal zu sein. Homosexualität sei laut der muslimischen Rechtsschulen Sünde, sagte er damals. Kennenlernen wollte er die anderen trotzdem.

          El-Ahmad setzt seine Hoffnung auf die jungen Muslime. Die Generation seiner Eltern habe er aufgegeben. „Vergessen habe ich nichts, aber verziehen habe ich ihnen schon lange.“ Sie wollten sich nicht ändern, und sie könnten sich nicht ändern. Aber Leute in seinem Alter, auch in seiner Familie, würden sich ihre Freiheit nehmen. Sie könnten ihre muslimische Herkunft mit der offenen deutschen Gesellschaft vereinbaren.

          Als El-Ahmad am vergangenen Sonntag vom Attentat in Orlando erfuhr, war das für ihn ein Schock. Noch nicht einmal nach seiner Entführung habe er geweint. „Aber als ich das mit Orlando gelesen habe, musste ich Tränen vergießen.“ Als ob die Morde direkt nebenan passiert wären, in seinem schwulen Berliner Kiez. Getroffen fühlt er sich doppelt: als Schwuler und als Muslim.

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