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Homosexualität im Islam : Ein Tabu in der Moschee

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Viele schwule Muslime fühlen sich wie Marcel Mohamad Schott und Nasser El-Ahmad in einem inneren Konflikt gefangen. Es scheint, als ob sie nur eine Seite von sich voll ausleben, entweder schwul oder Muslim sein könnten.

Familie und Religion gegen Sexualität

Und ganz egal, wofür sie sich entscheiden: Der andere Teil in ihnen ist noch da, ungewollt, aber nicht totzukriegen. Orte, an denen sie ganz schwul und ganz Muslim sein können, gibt es in Deutschland offenbar wenige. Die Gemeinden des Liberal-Islamischen Bundes zum Beispiel sind solche Orte, aber noch sind die Gläubigen dort nur wenige.

Schotts Haltung zur Homosexualität ist inzwischen ambivalent. Was er für sich selbst beschlossen hat, will er nicht verallgemeinern. Ob ein schwuler Muslim seine Sexualität lebt, das müsse er für sich mit seinem Schöpfer ausmachen: „Es gibt nur einen Richter, und das ist Allah.“

Es stehe keinem Menschen zu, über einen anderen zu urteilen. Schott würde sogar einen Glaubensbruder mit einem Mann nach islamischem Recht verheiraten, wenn er gefragt werden sollte. Der schwule Muslim, Ehemann einer Frau und Familienvater, ist es gewohnt, Widersprüche auszuhalten.

El-Ahmad erklärt die Prügel, die Entführung und den Hass seiner Eltern auf Schwule mit den tiefverwurzelten Vorurteilen, die seine Familie aus der arabischen Kultur des Libanons mitgebracht habe. Er ist in Berlin-Neukölln geboren und aufgewachsen. Mehr als 60 Prozent der Bewohner dieses Stadtteils haben entweder einen Migrationshintergrund oder sind Ausländer. Araber halten hier zusammen.

Nassar El-Ahmad wird der „Respektpreis“ für den Kampf gegen Homophobie verliehen. Auch er wurde in seiner eigenen Familie damit konfrontiert.

Nachdem bekannt war, dass er schwul ist, sei er auf dem Schulhof umzingelt worden, erzählt El-Ahmad. Weil die anderen mal gucken wollten. „Einer, der schwul ist, Muslim und zugleich noch Araber - so was kannten die nicht“. Schwul, so die verbreitete Meinung, seien nur die verdorbenen Deutschen.

Heute geht El-Ahmad in Schulen und erzählt seine Geschichte. In seiner Sprache, nicht in den Worten der Pädagogen. Er sagt dann: „Ey, Dicker, ich schwöre dir, Homosexualität ist was Normales.“ Einmal fragte ihn ein Junge: „Schwul, das ist gar keine Beleidigung? Das heißt nur, dass zwei Männer sich lieben?“ „Ja genau, schwul ist nur Liebe“, antwortete El-Ahmad.

Junge Generationen sind aufgeschlossener

Kennenlernen, Dialog, Veränderung - eine logische Kette. Trotzdem haben es diejenigen Muslime schwer, die Begegnung suchen. 2014 lud Ender Çetin, Gemeindevorsitzender der Şehitlik-Moschee in Neukölln, Schwule, Lesben, Bisexuelle und Transgender in die Moschee ein. Es folgte ein konservativer Aufschrei, der Besuch wurde abgesagt. Der Moscheeverein untersteht die Ditib, die wiederum ein Ableger der türkischen Religionsbehörde Dyanet ist.

Schließlich fand das Treffen doch noch statt, aber nicht in den Räumen der Moschee, sondern in einer Kirche. Dabei steht Çetin nicht im Verdacht, übermäßig liberal zu sein. Homosexualität sei laut der muslimischen Rechtsschulen Sünde, sagte er damals. Kennenlernen wollte er die anderen trotzdem.

El-Ahmad setzt seine Hoffnung auf die jungen Muslime. Die Generation seiner Eltern habe er aufgegeben. „Vergessen habe ich nichts, aber verziehen habe ich ihnen schon lange.“ Sie wollten sich nicht ändern, und sie könnten sich nicht ändern. Aber Leute in seinem Alter, auch in seiner Familie, würden sich ihre Freiheit nehmen. Sie könnten ihre muslimische Herkunft mit der offenen deutschen Gesellschaft vereinbaren.

Als El-Ahmad am vergangenen Sonntag vom Attentat in Orlando erfuhr, war das für ihn ein Schock. Noch nicht einmal nach seiner Entführung habe er geweint. „Aber als ich das mit Orlando gelesen habe, musste ich Tränen vergießen.“ Als ob die Morde direkt nebenan passiert wären, in seinem schwulen Berliner Kiez. Getroffen fühlt er sich doppelt: als Schwuler und als Muslim.

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