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Homosexualität im Islam : Ein Tabu in der Moschee

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So bleibt nur, aus früheren Wortmeldungen die Haltung der Verbände herauszulesen. Burhan Kesici, Generalsekretär des Islamrates und stellvertretender Vorsitzender der Islamischen Föderation Berlin, sagte im April im Deutschlandfunk: „Es gibt Menschen, die sich als Muslime betrachten und schwul und lesbisch sind, aber ich glaube, man muss schauen, dass der Islam so was nicht akzeptiert.“ Was das in der Praxis bedeutet, für Homosexuelle, die in die Moscheen kommen, sagt er nicht.

Willkommenskultur und soziale Akzeptanz Homosexueller

Der Muslim Schott hat sich schon vor lange Zeit dafür entschieden, sein Schwulsein nicht zu leben. Er hat eine Frau geheiratet und mit ihr Kinder bekommen. Er sieht das als seine religiöse Pflicht. Früher habe er seine Sexualität so exzessiv ausgelebt, dass er sich als „Sklave seiner Triebe“ fühlte.

Der Islam bot ihm einen Ausweg. Seit seiner Hochzeit hat Schott, so erzählt er das, nie wieder Sex mit einem Mann gehabt. Aber verschwunden sei die Anziehung zu Männern nicht. „Wenn ich könnte, würde ich einen Schalter umlegen, um nicht mehr schwul zu sein“, sagt Schott. „Aber anscheinend ist diese Veranlagung von Gott gegeben.“

Es gibt Muslime, die Homosexualität nicht pauschal ablehnen. Dazu gehören die Gläubigen des Liberal-Islamischen Bundes (LIB). Die Gemeinschaft gründete sich im Jahr 2010, zählt inzwischen um die 250 Mitglieder und hat unter anderem Gemeinden in Köln, Frankfurt und Berlin.

Ja, unter manchen deutschen Muslimen sei Homophobie sicherlich verbreitet. Das liege primär an den patriarchalen Gesellschaften, in denen alle monotheistischen Religionen aufgekommen sind, erklärt Annika Mehmeti, Mitglied im Vorstand des LIB. Sie fordert eine Willkommenskultur und soziale Akzeptanz in den Verbänden und Moscheevereinen für „LGBTI-Muslime“, also für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender und Intersexuelle. „Es muss sich etwas tun. So lange geduldet wird, dass etwa jemand als ,Schwuchtel‘ beschimpft und womöglich bedroht wird, solange ist auch Hassverbrechen die Tür geöffnet.“

Trauer in Regenbogenfarben: Solidarität gab es nach dem Attentat in einem Schwulenclub in Orlando weltweit, so auch hier in Kolumbien.

Nasser El-Ahmad hat am eigenen Leib erfahren, wozu Homophobie führen kann. Am 10. Dezember 2012 wacht er in einem Auto auf, in das er nicht freiwillig eingestiegen ist. 15 Jahre ist der Berliner damals alt. Sein Vater und sein Onkel haben ihn betäubt, vermutlich mit Schlafmitteln, und entführt. Das Auto fährt von Deutschland in Richtung Osteuropa. El-Ahmads Vater zeigt ihm auf dem Handy das Bild eines Galgens. Der junge Mann hat Angst. Er glaubt, seine libanesische Familie will ihn umbringen - weil er schwul ist.

Verdacht hatten seine Verwandten schon Monate vorher geschöpft. El-Ahmad erzählt, wie ihn Familienmitglieder deshalb mit Kabeln verprügelten, ihn mit Benzin übergossen, drohten, ihn anzuzünden. „Ich bin der älteste Sohn. Ich muss die Ehre der Familie aufrechterhalten“, antwortet El-Ahmad heute lapidar auf die Frage nach dem Grund.

An der bulgarischen Grenze kann er sich bei Grenzbeamten bemerkbar machen. Die Entführung fliegt auf. El-Ahmad klagt, der Prozess bekam im vergangenen Jahr viel Aufmerksamkeit. Vater und zwei Onkel wurden wegen Entziehung Minderjähriger und Freiheitsberaubung zu einer Geldstrafe verurteilt. Wegen der Gewalt, von der El-Ahmad erzählt, ist seine Familie bisher noch nicht angeklagt worden.

Inzwischen ist El-Ahmad 19 Jahre alt und lebt in der Nähe des Nollendorfplatzes, dem Hotspot der schwulen Community in Berlin. Auf seinem Facebook-Profil hat er Fotos hochgeladen: Nasser feiernd auf einer Gay-Pride-Parade, Nasser, wie er von einer Dragqueen ein Küsschen bekommt. „Könnte ich das entscheiden, würde ich sagen: Nein, ich bin nicht mehr Muslim.“ Aber sein Glaube sei Teil seiner Identität. „Ich trage den Islam mit mir, ob ich will oder nicht.“

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