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Hoffenheim : „Im Dorf ist jeder Fan“

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Farbe bekennen heißt es an der Sinsheimer Straße Bild: dpa

3272 Hoffenheimer stehen kopf, seit ihr Club der Star der Bundesliga ist. Von den Fußballpielern stammt zwar kein Einziger aus der Gemeinde, und niemand von ihnen hat hier eine Wohnung genommen, doch der Ort ist eine einzige Fanmeile in Blau-Weiß.

          „Unser Dorf soll schöner werden“ steht auf einer Plakatwand im Rathaus von Hoffenheim, die von den Leistungen der Freiwilligen Feuerwehr schwärmt. „Schnee von gestern“, sagt der Ortsvorsteher Karlheinz Hess. „Das stammt aus dem vergangenen Jahrhundert, als wir uns fußballmäßig noch in der Kreisklasse herumgetrieben haben.“ Da aber „irgendwann ein Wunder“ geschehen ist, wie auch der Herr Pfarrer es nennt, spielen die Dorfkicker aus dem Kraichgau neuerdings in der Bundesliga und führen dort zeitweise sogar die Tabelle an. Seitdem steht das Dörfchen kopf und sieht die Geographie drumherum angeblich völlig anders aus.

          Hoffenheim und sein Verein, die „TSG Hoffenheim 1899“, gilt unter Fußballern zwar nicht als der Nabel der Welt. Aber wer in Paris oder London nach Heidelberg frage, bekomme inzwischen häufig die Auskunft, das liege „ganz nah bei Hoffenheim“. So wird es zumindest von Fan-Betreuern des Clubs behauptet. Früher hieß es natürlich, das Dorf liege in der Nähe der alten Universitätsstadt. Aber früher wehte auch nicht die Fahne mit dem Vereinswappen am Rathausportal: eine auffallend große übrigens. „Weil wir an der Spitze stehen“, erklärt die Sekretärin des Ortsvorstehers Mitte der Woche.

          Kein einziger Spieler aus Hoffenheim

          Zwei Kirchen, vier Kneipen, eine Döner-Bude, eine Tankstelle - und der Fußballverein: Das sei schon das Dorf, sagt Ortsvorsteher Hess. Die Straßenkreuzung ist zugleich Verkehrsknotenpunkt. Wo es zum Friedhof geht, ist ausgeschildert, aber die Hinweise aufs Stadion sind größer.

          Auch hier wohnt eindeutig ein Fan

          Von den Spielern der Bundesliga-Elf stammt kein Einziger aus Hoffenheim, und niemand von ihnen hat hier seine Wohnung genommen. Da habe das Dorf noch einiges aufzuholen, sagt Karlheinz Hess. Unbescheiden ist man nicht, doch als tiefste Fußball-Provinz fühlt Hoffenheim sich eben längst nicht mehr. Jeder Zweite der 3272 Dorfbewohner ist Mitglied in der TSG, das prägt das Selbstbewusstsein ungemein. Eine Dorf-Elf in der Bundesliga? Das gab es noch nie! Selbst die Heimatgemeinde der 2001 abgestiegenen SpVgg Unterhaching war größer.

          Neues Selbstwertgefühl

          Vielleicht ist tatsächlich ein Ruck durch die Gemeinde gegangen, seit die Mannschaft aus der Silbergasse innerhalb von zwanzig Jahren acht Aufstiege gefeiert und es mit winzigen Verschnaufpausen schließlich von der Kreisliga B über die Regionalliga und die Zweite Bundesliga mit Aplomb in die höchste Spielklasse des Bezahlfußballs geschafft hat. So deutet das neue Hoffenheimer Selbstwertgefühl jedenfalls Werner Bär, seit zwölf Jahren der evangelische Pfarrer am Ort.

          Die Medien bezeichneten den Höhenflug der Wald-und-Wiesen-Amateure in die Güteklasse der Profis als Sensation. Argwöhnten aber, dass dies alles so rasch nur mit dem Geld des Sponsors und Unternehmers Dietmar Hopp zu bewerkstelligen gewesen sei: der Spielerkauf in Millionenhöhe, der Sportstättenbau, die Aktivität in Sportförderung und Jugendarbeit. Als „weltliches Wunder“ versteht es Pfarrer Bär, dass der ehemalige TSG-Mittelstürmer Hopp, 1940 in Hoffenheim geboren und Gründer der Walldorfer Software-Firma SAP, sein auf sechs Milliarden Euro geschätztes Vermögen größtenteils gemeinnützigen Stiftungen vermacht hat.

          „Unser lieber Gott“

          In der TSG-Geschäftsstelle spricht man von „unserem lieben Gott“, wenn man Hopp nicht beim Namen nennen will. Ähnlichen Respekt genießt, nach dem Trainer Ralf Rangnick, allein der Pfarrer. Bär nämlich hatte sich, als 1999 die Hoffenheimer Fußball-Arena am Ende der Silbergasse eröffnet wurde, kopfüber aus einem Sportflugzeug gestürzt und war mit einem Fallschirm Sekunden vor dem Anpfiff auf dem Rasen gelandet. „Ich mache den Sprung gern noch einmal, falls im Januar 2009 auch das große Stadion in Sinsheim mit einem ökumenischen Gottesdienst eingeweiht wird“, versprach der Pfarrer nun nach dem Sieg über den VfL Bochum. Ist er Fan? „Im Dorf ist jeder Fan“, sagt sein erwachsener Sohn Raphael.

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