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Hochwasser : Venedig ist nicht Opfer einer Naturkatastrophe, sondern der Gier

  • -Aktualisiert am

„Kommissar des Notstands“: Bürgermeister Luigi Brugnaro (rechts) möchte sich nächstes Jahr im Amt bestätigen lassen. Bild: EPA

Das Hochwasser in Venedig hat wenig mit dem Klimawandel zu tun. Es ist das Ergebnis einer allzu gierigen Politik. Desinformationskampagnen haben in Venedig eine lange Tradition. Eine Einwohnerin berichtet.

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          Die Hochwassersirene klingt, als würde sie vor einem Bombenangriff warnen. Ein Sirren wie eine Kreissäge, ein heller Ton, der in das Ohr eindringt wie ein sich langsam steigernder Tinnitus, der hoch und metallisch den Ausnahmezustand ankündigt. Wenn sich die Kreissäge viermal steigert, wissen wir, dass ein „außergewöhnliches Hochwasser“ bevorsteht, mehr als 1,40 Meter, wodurch 90 Prozent von Venedig unter Wasser stehen, das in unserer Eingangshalle – günstigstenfalls – bis zum Knie reicht. In den dreißig Jahren in Venedig habe ich mich an den Ausnahmezustand gewöhnt, nicht aber an die Apokalypse, die sich seit einer Woche abspielt: auf Knien rutschend versuchen wir hier unsere Existenz zu retten. Und müssen dabei auch noch den blanken Hohn ertragen, der uns entgegenschlägt, wenn die politische Klasse, die für Zerstörung der venezianischen Lagune verantwortlich ist, etwas von „bürokratischen Problemen“ faselt, die verhindert hätten, dass Venedig effektiv vor dem Hochwasser geschützt wird.

          Ja, wir hier in Venedig sind verbittert: Wir sehen, wie sich Touristen in Badehosen von den Hochwasserstegen ins Wasser fallen lassen. Wie die Ausflugsboote mit den chinesischen Reisegruppen jetzt in den Katastrophentourismus-Modus schalten. Und die Politiker in Gummistiefeln zum Schaulaufen auf dem Markusplatz anreisen – der die tiefste Stelle in Venedig darstellt und deshalb schon bei einem geringen Wasserstand von einem Meter überflutet ist. Wir sind verbittert, weil das, was jetzt in Venedig passiert ist, so vorhersehbar war.

          Die Ursachen für das Hochwasser kennt jeder, der in Venedig lebt, wir alle hier wissen, dass Venedig kein Opfer einer Naturkatastrophe ist, sondern der Gier: Das Hochwasser wurde von Menschen gemacht. Wie viele Venezianer fahre auch ich ein Boot und spüre am eigenen Leib, wie sich die eigentlich durch Inseln und Landzungen weitgehend vom Meer abgetrennte, Venedig umgebende Lagune in einen offenen Meeresarm verwandelt hat: Um Venedig zu retten, müsste als Erstes der in der Lagune liegende Hafen geschlossen und die in der Lagune nun zum Teil bis zu 59 Meter tiefen Kanäle wieder aufgefüllt werden: Die Lagune war ursprünglich im Schnitt nur 1,50 Meter flach und für Schiffe mit Tiefgang nicht gemacht – nicht für Erdöltanker, nicht für Containerfrachter und erst recht nicht für Kreuzfahrtschiffe, die nun alle dort ein- und auslaufen.

          Das Ergebnis einer Massenkarambolage

          Und sie war auch nicht für eine neun Hektar große Betoninsel gemacht, die in die Lagunenöffnung Bocca di Porto di Lido gesetzt wurde, um sie zum Meer hin zu verengen, damit dort die Schleusentore für die zynischerweise MOSE genannte Hochwasserschleuse gebaut werden konnten. Es ist ein Ort, der eine eigentümliche Anziehung auf mich ausübt: Beim Anblick des Betons in der Lagune fühle ich mich immer wie eine Schaulustige, die sich an einem Unfallort gruselt. Was man hier sieht, ist das Ergebnis einer Massenkarambolage – als alle italienischen Parteien mit zu hoher Geschwindigkeit und ohne Sicherheitsabstand auf die Wirklichkeit aufgefahren sind.

          90 Prozent der Stadt stehen unter Wasser, und die Touristen werden zu Katastrophentouristen. Bilderstrecke

          Für den Bau der Schleuse wurden drei Öffnungen der Lagune zum Meer noch tiefer ausgegraben – das Schleusenprojekt galt unter Spezialisten schon als überholt, als es geplant wurde. Ungeachtet dessen wird daran seit 13 Jahren weitergearbeitet und verdient: Das Großprojekt wurde zum größten Schmiergeldskandal der Nachkriegszeit. Was bleibt, ist dieses Monument der Korruption: sieben Milliarden Euro im Meer und in den Taschen einer politischen Klasse versenkt.

          Genau darüber spricht der Bürgermeister nicht – auch nicht darüber, dass die Warnungen vor dem verheerendsten Hochwasser seit 53 Jahren verspätet eintrafen. Das ihm unterstehende venezianische Gezeitenzentrum steht schon seit langem in der Kritik. Zuletzt wurde dem Bürgermeister vor einem Jahr vorgeworfen, das Hochwasser heruntergelogen zu haben – als es wie von Zauberhand kurz vor der magischen Ein-Meter-sechzig-Marke angeblich aufgehört hatte zu steigen (ab einem Meter sechzig muss der Notstand ausgerufen werden).

          Desinformationskampagnen haben Tradition

          Und auch jetzt war wieder davon die Rede, „Panikmache“ unbedingt zu vermeiden: Desinformationskampagnen haben in Venedig eine lange Tradition. Seit Thomas Manns Novelle „Tod in Venedig“ wissen wir, wie man versuchte, den Ausbruch der Cholera im Jahr 1911 zu verschweigen. In jenem Sommer, als es in Venedig viele Cholerafälle gab, finanzierten Hoteliers und die Stadt Venedig ganzseitige Anzeigen, in denen mitgeteilt wurde, dass Venedig, die Schönheitskönigin der Adria, zu ihren vielen Reizen einen neuen gewonnen habe: den Lido. Alles andere seien erlogene Alarmgerüchte, der Gesundheitszustand sei der glänzendste: Auf nach Venedig! So viel zum morbiden Venedig.

          Einmütig stellte sich nun die politische Klasse Italiens hinter den Bürgermeister, der jetzt auch noch zum „Kommissar des Notstands“ ernannt wurde – eine bessere Wahlkampfplattform konnte sich Luigi Brugnaro nicht wünschen: Nächstes Jahr möchte er sich im Amt bestätigen lassen. Die 52.000 Venezianer haben ihn übrigens nicht gewählt, sondern die Festlandsbewohner, die weder das Hochwasser noch die Touristenmassen fürchten müssen. Kaum jemand weiß, dass Venedig und sein 200.000 Einwohner zählender Festland-Stadtteil Mestre verwaltungstechnisch eine Einheit bilden. Am 1. Dezember versuchen die Venezianer zum fünften Mal, mit einem Referendum die Autonomie ihrer Stadt zu erstreiten. Sie sind überzeugt, dass Venedigs Rettung nur durch die Rückkehr zu einem echten Stadtstaat möglich ist.

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