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Hochwasser in Thailand : Mit dem Bambusstab die Schlangen fangen

Boote sind derzeit in Bangkok unerlässlich Bild: Lucas Wahl

Es ist die schwerste Naturkatastrophe Thailands seit Jahrzehnten. Doch die Menschen in Bangkok haben sich eingerichtet in ihrem neuen Leben - mitten im Hochwasser.

          Sumalee Chamkaew steht auf den Stufen, die zu ihrem überfluteten Haus hinunterführen, und zeigt mit dem Fuß auf eine Treppenritze. „Da unten steckt sie manchmal ihren Kopf raus und zieht ihn dann wieder zurück.“ Sie, das ist die Schlange, angeblich einen Python. „Sie versteckt sich vor dem Wasser“, erklärt Frau Sumalee und lacht. „Mein Mann hat einen Bambusstab mit einer Schlinge konstruiert, damit haben wir schon einige gefangen.“

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Sumalees praktisch begabter Mann kniet nebenan in seiner Moped-Werkstatt. Zurzeit hat er mehr als sonst zu tun, weil viele Maschinen von den Fluten beschädigt wurden. Seit bald zwei Wochen steht das Viertel unter Wasser, und die Leute von Tung Song Hong haben sich in ihrem neuen Leben eingerichtet. Einige besitzen jetzt Plastikboote, die sie für umgerechnet dreißig Euro gekauft haben. Die mit weniger Geld konnten sich nur große Plastikwannen leisten. Die schieben sie auf den Wasserstraßen vor sich her, auf dem Weg zum nächsten, höher liegenden Geschäft. Von dort wird die gefüllte Wanne wieder nach Hause geschoben.

          Tung Song Hong liegt am Rand von Don Muang, einem der sieben Bezirke Bangkoks, die vom Hochwasser betroffen sind. In den anderen 43 Bezirken verläuft das Leben weitgehend normal. Sandsäcke sind zwar in der gesamten Stadt zu sehen, und auch die Preise für Wasserflaschen haben sich überall erhöht. Aber Hochwasser bleibt im größten Teil von Bangkok eine Ausnahme. Nur an den Ufern des Chao-Phraya-Flusses läuft das Wasser zweimal am Tag über.

          Bangkok kennt derzeit drei Sorten von Einwohnern:

          Die „Flutflüchtlinge“ haben ihre Wohnungen, so gut es ging, gesichert und anderswo Unterschlupf gefunden; in den vergangenen Tagen verließen Zehntausende Hauptstädter ihre Häuser, reisten zu Verwandten, suchten Zuflucht in einem der zwanzig Evakuierungslager oder übernachten bei ihrem Arbeitgeber in der trockenen Innenstadt.

          Die „Durchhalter“, auch sie gehen in die Zehntausende, sind eine Etage höher gezogen und versuchen sich im Hochwasseralltag durchzuschlagen.

          Die dritte Gruppe sind die „Beobachter“. Zu ihnen gehört die übergroße Mehrheit der Zwölf-Millionen-Einwohner-Metropole, und sie schwankt zunehmend zwischen Besorgnis und Galgenhumor und Müdigkeit.

          Seit mehr als zwei Wochen wird der „Countdown“ nun gezählt. Aus dem nationalen Fluthilfezentrum, das bis Samstagmorgen im stillgelegten Flughafen Don Muang untergebracht war, dringen stündlich neue Nachrichten. So wuchs die Dramatik in schnellen, kleinen Dosen. Würde am Ende ganz Bangkok unter Wasser stehen, sogar das urban verdichtete Zentrum? Würden die Dämme halten, die von den Soldaten auf Höhen bis zu viereinhalb Metern aufgeschichtet wurden? Würde im Notfall die Verpflegung reichen, die Stromversorgung intakt bleiben, eine ausreichende Zahl von Lagern bereitstehen?

          Am Samstag war von neuen, kleineren Deichbrüchen die Rede, und das Fluthilfezentrum musste aus dem alten Terminal verlegt werden. Es ist nun gegenüber untergebracht, auf dem besser geschützten Gelände der nationalen Öl- und Gasgesellschaft. Zugleich wurde aber auch zum ersten Mal eine Art offizielle Entwarnung gegeben. Premierministerin Yingluck Shinawatra sagte voraus, dass sich das Wasser von kommender Woche an langsam zurückziehen werde.

          Selbst wenn das stimmt, wird das Hochwasser als schwerste Naturkatastrophe Thailands seit Jahrzehnten in die Geschichte eingehen. Noch immer kämpft fast ein Drittel des Landes mit den Wassermassen, die sich nach ungewöhnlich starken, lang anhaltenden Regenfällen angesammelt haben. Mehr als 370 Menschen sind seit dem Sommer gestorben. Nicht nur Dörfer und Städte, auch Tausende Gewerbe- und Fabrikgelände wurden überschwemmt. Hohe volkswirtschaftliche Schäden sind die Folge, und die gerade erst gewählte Regierung geriet in Bedrängnis.

          Man arrangiert sich: Fischen in Thailands Hauptstadt Bangkok Bilderstrecke

          Im ärmlichen Tung Song Hong, wo man Frau Yinglucks als sozial geltende Regierung schätzt, hält sich der Unmut noch in Grenzen. „Dieses Hochwasser ist so viel schlimmer als in den letzten Jahren, da sieht keine Regierung gut aus“, meint Frau Sumalee. Sie hat sogar Mitleid mit der Premierministerin und empfiehlt ihr ein Programm zur Stressbewältigung: „Ich gehe alle paar Tage am Markt Schuhe verkaufen, das entspannt mich in diesen Zeiten.“

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