https://www.faz.net/-gum-9214c

Evakuierung in Dortmund : Rückkehr Hannibal-Hochhaus dauert Monate

  • Aktualisiert am

Der Wohnkomplex „Hannibal 2“ wurde in den siebziger Jahren gebaut. Bild: dpa

Die Evakuierung des Wohnkomplexes in Dortmund wegen Brandschutzmängeln ist abgeschlossen. Die Stadt rechnet damit, dass die rund 800 Anwohner erst in Monaten wieder einziehen können.

          3 Min.

          Während die Evakuierung des riesigen Hochhauskomplexes Hannibal II in Dortmund abgeschlossen ist, geht der Streit zwischen Stadt und Eigentümer weiter. Alle Wohnungen seien versiegelt, jetzt sei der Eigentümer am Zuge, die Brandschutzmängel zu beseitigen, sagte der Leiter des Krisenstabes, Ludger Wilde, am Freitag in Dortmund. Die Stadt werden den Komplex lediglich bewachen lassen. Die Mängel müsse der Eigentümer beheben. Der Stab rechnet mit Monaten bis zum möglichen Wiederbezug.

          Rund 800 Menschen mussten das Terrassenhochhaus im Universitätsvorort Dorstfeld verlassen. 120 seien über Nacht in einer zur Notunterkunft hergerichteten Leichtathletikhalle untergekommen, die anderen Mieter seien offenbar vorerst bei Freunden und Verwandten, hieß es. Allen Mietern will die Stadt Angebote für eine Unterbringung in Wohnungen oder einer Übergangseinrichtung anbieten. Wohlfahrtsorganisationen und Wohnungsgesellschaften wollen ebenfalls mit Wohnungen helfen. Städtische Angebote sind kostenlos. „Niemand muss heute wieder in der Körnig-Halle schlafen“, versprach die Stadt am Freitag. Anwohner könnten in den nächsten Tagen ihr Hab und Gut zusammen mit Mitarbeiter der Stadt aus ihren Wohnungen holen.

          Der Eigentümer aus Berlin kritisiert das Vorgehen – die Stadt hält dagegen

          Kritik des Berliner Eigentümers Intown wegen der abrupten Evakuierung wies der Krisenstab zurück. Es hätten eklatante Brandschutzmängel vorgelegen, die schnelles Handeln erfordert hätten. Brandwachen bis zu einer Beseitigung der Mängel hätten nicht ausgereicht. Ein Feuer in einer Wohnung hätte gereicht, um ein Großfeuer ausbrechen zu lassen, hieß es. „Uns blieb keine andere Möglichkeit“, so Wilde. „Wir hätten auch 100 Brandwachen aufgestellt. Aber auch das hätte nicht geholfen, da sich ein Brand zu schnell ausbreiten könnte.“

          Ein Brandschutzexperte verteidigte die Maßnahmen der Stadt ebenfalls. „Ich würde nicht sagen, dass die Räumung übertrieben ist“, sagte Thomas Herbert von der Bayerischen Ingenieurkammer-Bau. Vielmehr sei damit die Sorgfaltspflicht erfüllt worden „bevor etwas passiert“.

          Nach Umbauarbeiten des Eigentümers hatten Mieter auf Mängel aufmerksam gemacht. Bei einer Begutachtung durch Bauaufsicht und Feuerwehr habe sich herausgestellt, dass große Risiken in der Tiefgarage und durch Versorgungsschächte bestünden, über die sich ein Feuer schnell verbreiten könne, sagte Wilde. Intown kritisierte die Maßnahme als nicht rechtens und unangemessen.

          Der Mieterverein rät den Bewohnern, keine Miete zu zahlen

          Das Hochhaus wurde laut Krisenstab nicht vorsorglich infolge des Londoner Großbrandes begutachtet. Die Fassade sei wegen ihrer Bauweise nicht gefährdet gewesen. Die letzte Begutachtung sei 2015 erfolgt. Der Mieterverein Dortmund riet Betroffenen, die Miete einzubehalten und dies dem Eigentümer schriftlich mitzuteilen.

          Bereits im Juni musste ein Hochhaus in Wuppertal, dass ebenfalls der Intown GmbH, wegen Brandschutzmängeln geräumt werden. Dort setzte die Eigentümerin die nötigen Maßnahmen auf eigene Kosten um, wie die Stadt Wuppertal am Freitag erklärte. Ungeklärt sei jedoch die Kostenübernahme für die Bewachung des Hauses während des einmonatigen Leerstands. „Diese Kosten wollen wir gerne an den Eigentümer weitergeben“, sagte ein Sprecher.

          In Dortmund ist die Kostenfrage noch offen. Die Intown GmbH ist nach Angaben der Stadt Eigentümerin von weiteren Immobilien in Dortmund, darunter auch einige Problemhäuser in der Nordstadt. Man werde aber niemanden unter Generalverdacht stellen, sagte die Stadt.

          Auch die Anwohner wurden von der Räumung überrascht

          „Zurück in den Hannibal wollen wir eigentlich nicht“, erzählte eine Anwohnerin der Deutschen Presse-Agentur. Da sei zuletzt immer wieder etwas kaputt gegangen, ohne dass der Besitzer sich gekümmert habe. „Da kam nie eine Reaktion, auch wenn wir uns schriftlich beschwert haben. Zuletzt gab es einen Wasserrohrbruch.“ Mit ihrer Familie wohnte sie im sechsten von 18 Stockwerken. Über Monate sei der Aufzug in dem Gebäude ausgefallen – unhaltbare Zustände für ältere Mieter und Familien mit kleinen Kindern.

          „Wir sind gestern erst gegen 18 Uhr nach Hause gekommen und sind von der Räumung völlig überrascht worden“, erzählte die 39-jährige Mutter. Schnell habe sie für sich und ihre Familie das Nötigste zusammengesucht. Um 21 Uhr saß die vierköpfige Familie im Evakuierungsbus der Dortmunder Stadtwerke. Ihr Sohn geht eigentlich auf ein Gymnasium in der Dortmunder Innenstadt – heute fällt für ihn der Unterricht aus.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Dem deutschen Volke: Die Kuppel des Reichstagsgebäudes an einem Novembertag des Jahres 2019.

          Besondere Abstimmung : Das Wahlrecht ist in Gefahr

          Die Regeln, die für die Wahl gelten, sind klar und eindeutig – wirklich? Es gibt Streit über Wahlalter und Parität. Manches richtige Ziel soll auf falschem Wege erreicht werden.

          Olaf Scholz : Ein Ungeliebter auf Erfolgskurs

          Jahrelang wollten die Parteilinken Olaf Scholz loswerden, die Kampagne lief planmäßig schlecht. Jetzt könnte er der SPD den Weg ins Kanzleramt ebnen. Und dann?
          Dach der Energie: Doch Vermieter mit Photovoltaikanlage müssen manches beachten – oder es lassen.

          Energiewende : Vermieter mit Solardach haben es schwer

          Die Photovoltaikanlage kommt leicht auf das Dach. Aber wie kann der Hausbesitzer Strom an seinen Mieter verkaufen? Das bleibt eine Hürde für den Klimaschutz.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.