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Historische Radtour : Als Schweizer Soldat durch Mecklenburg

Wie anno dazumal: Carsten Reuß nimmt beim Velo Classico von 1935 und in originalgetreuer Uniform der Schweizer Radfahrertruppe teil. Bild: Andreas Pein

Kein Rennen, sondern eine Hommage: Bei der Radrundfahrt Velo Classico im mecklenburgischen Ludwigslust geht es um historische Drahtesel und authentische Kleidung - ganz entschleunigt.

          2 Min.

          Carsten Reuß ist zum Velo Classico mit einem Schweizer Armeerad von 1935 im Gepäck nach Ludwigslust gekommen. Tiefschwarz ist es und fast 30 Kilogramm schwer. Man fährt es ohne Gangschaltung und ohne Licht. Die Schweizer Soldaten hatten für die Beleuchtung in der Dunkelheit zwei Taschenlampen, erzählt Reuß. Eine auf der Brust mit gelbem Licht und eine auf dem Rücken mit rotem. Reuß trägt bei der Retroradveranstaltung auch eine Armeeuniform, eine Lodenjacke von 1946 mit zitronengelben Kragenspiegeln und Chevrons, dazu Ledergurt, Stulpengamaschen, schwarze Bergschuhe und eine Reithose von 1913.

          Frank Pergande

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Reuß besitzt drei Armeeräder. Für ihn ist der Aufzug nicht nur deshalb ein großes Vergnügen, weil er als Historiker arbeitet – er leitet das Preußenmuseum im westfälischen Minden. Für ihn ist es „die Freude an all diesen wertvollen und schönen Dingen“. Das sei eine Art Gegenmodell zur Wegwerfgesellschaft.

          50 Fahrer auf der Helden-Runde

          Bei der Premiere des Velo Classico, einer Radtour, bei der die Teilnehmer mit historischen Fahrrädern und möglichst stilechter Kleidung antreten, gab es am frühen Sonntagmorgen drei Starts: einen für alle, die einfach nur das Fahrradfahren genießen wollten, darum Genießer-Runde genannt, sie führte „fahrradverzückte Menschen in entsprechender Mode auf ihren wunderschönen alten Fahrrädern“ über 40 Kilometer; die Liebhaber-Runde ging über 80 Kilometer, die auch Reuß für seinen Auftritt als Schweizer Soldat wählte; und schließlich als Höhepunkt die Helden-Runde mit historischen Rennrädern über 152 Kilometer. 200 Teilnehmer hatten sich für den ersten Velo Classico im mecklenburgischen Ludwigslust angemeldet, 50 davon wagten die Helden-Runde.

          Auf der Allee: Die Genießer gehen ihre Runde vor Schloss Ludwigslust.

          Veranstaltungen dieser Art gibt es zwar viele in Deutschland. Reuß etwa war schon im Mai beim Tweed Run in Oldenburg dabei, „mehr Ausfahrt als Rennen“, wie er meint. Aber die Idee des Velo Classico ist es, allen Fahrradfreunden etwas zu bieten, und zwar nach großen Vorbildern wie den historischen Radausflügen L’Eroica in der Toskana, Eroica Britannia in Bakewell bei Manchester und Anjou Vélo Vintage in Anjou an der Loire. Die Idee für die Ludwigsluster Veranstaltung hatte Detlef Koepke, den man in Radfahrerkreisen weit über Mecklenburg hinaus gut kennt, weil er jedes Jahr Ende Mai die Mecklenburger Seenrunde organisiert. Bei der geht es weniger historisch zu, dafür besonders hart: 300 Kilometer buchstäblich über Stock und Stein. Die Idee zum Velo Classico kam jedenfalls an, das Land Mecklenburg-Vorpommern und der Tourismusverband des Landes unterstützten die Veranstaltung, dazu gab es viele Sponsoren am Wegesrand, beim Crivitzer Bauernmarkt etwa und in Grabow mit den bekannten Schaumküssen.

          Genießer fahren Fahrrad

          Reuß hatte sich mit einer korkenverschlossenen Feldflasche voll Wasser, ein paar Kräuterbonbons und Äpfeln im Brotsack ausgerüstet sowie einem Birnenbrand, der stets dazugehört, wie er sagt. Selbst das Original Schweizer Kochgeschirr schleppte er mit. Er dürfte es unterwegs nicht gebraucht haben. Denn an verschiedenen Ständen wurden mecklenburgische Produkte angeboten. Eine Geflügelsoljanka etwa, Frischkäsehappen und ein Müsli „Kette rechts“, dazu ein Velo-Classico-Radler aus der Lübzer Brauerei.

          Auf Geschwindigkeit und Zeit, gar Sieg kam es nicht. „Man plauscht unterwegs über die Fahrräder und bewundert das des anderen“, sagte Reuß, bevor er zum Start auf der Allee mitten im weitläufigen Garten des Barockschlosses von Ludwigslust fuhr. Dort befand sich auch das Ziel für den Mann, der die Geschichte der Radfahrertruppe der Schweizer Armee wieder aufleben lassen will.

          Auch ein paar Stars der Radszene waren in Ludwigslust dabei. Manfred Galonski aus Celle etwa, der schon bei vielen Retroradrennen mitgemacht hat, dem es aber bisher nicht gelungen ist, ein Rennen in Celle zu organisieren. Dieter „Didi“ Senft durfte auch nicht fehlen, der rotschwarze Teufel, der mit seinem Dreizack die Tour de France zu begleiten pflegt und sich als den „wohl bekannteste Velodesigner der Welt“ bezeichnet.

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