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Hirnforschung : Lähmende Vorurteile

Rassismus hemmt die Leistungsfähigkeit, lautet das Untersuchungsergebnis amerikanischer Kognitionsforscher. Damit wurde erstmals wissenschaftlich bestätigt, daß Rassenvorurteile das Denken trüben.

          2 Min.

          Dem Menschen buchstäblich ins Hirn - ins lebende und arbeitende Hirn wohlgemerkt - zu blicken, ist inzwischen zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Längst nimmt man nicht mehr nur pathologische Vorgänge ins Visier, sondern auch das neuronale Substrat jeglichen, auch des alltäglichsten Verhaltens. Vor einigen Monaten haben deutsche und amerikanische Wissenschaftler ihre erwachsenen Probanden beim Erwerb einer Fremdsprache beobachtet und die Broca-Region des Gehirns als potentiellen Sitz der von Noam Chomsky postulierten Universal-Grammatik des Menschen lokalisiert.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Jüngstes Beispiel ist die Idee des "Neuromarketing", nämlich Kaufentscheidungen und ökonomische Phänomene mit Hirnprozessen in Zusammenhang zu bringen (siehe F.A.Z. vom 5. November). In dieselbe Nische der von den Wissenschaftlern als "soziale Neurowissenschaften" bezeichneten Richtung zielt eine neue Untersuchung amerikanischer Kognitionsforscher, die sich des brisanten Themas Rassismus verschrieben haben.

          Fragwürdige Kategorisierung

          Wie die anderen Arbeitsgruppen bedienten sich auch die Forscher um Jennifer Richeson vom Dartmouth College in Hannover/New Hampshire der sogenannten funktionellen Kernspintomographie. Mit diesem Verfahren kann die Durchblutung und damit die Aktivität einzelner Hirnregionen in hoher räumlicher und zeitlicher Auflösung sichtbar gemacht werden. Die Wissenschaftler haben ihre fünfzehn weißen Probanden vorab einem Verhaltenstest unterzogen, dem "Implicit Association Test", um Hinweise auf - auch unterschwellige - Rassenvorurteile zu gewinnen. Die Experimente werden in der Zeitschrift "Nature Neuroscience" (Bd. 6, S. 1241) beschrieben. In einem Kommentar zu der Arbeit wenden drei Kollegen Richesons allerdings ein, daß diese versuchte Kategorisierung durchaus fragwürdig sein kann. Die Reaktionen der Probanden spiegelten möglicherweise weniger ihre ethnische Voreingenommenheit als ihre soziale Umwelt: Weiße haben einfach mehr Kontakt zu Weißen.

          Die Gruppe um Richeson vertraute dennoch dem Test und konfrontierte die im Kernspintomographen plazierten Probanden - allesamt Studenten im Alter von durchschnittlich zwanzig Jahren - zunächst mit mehr als dreißig Portraits schwarzer Männer und in einem zweiten Experiment mit Fotos weißer Männer. Anschließend nahm man eine Art Reaktions- und Intelligenztest vor, den sogenannten "Stroop-Farben-Kennzeichnungstest". Damit wollte man herausfinden, ob - wie frühere psychologische Untersuchungen ergeben haben - Menschen mit Rassenvorurteilen womöglich mehr Schwierigkeiten bei der Bewältigung der Denkaufgaben haben als unbelastete Personen. Dahinter steht die These, die Auseinandersetzung mit den eigenen Rassenvorurteilen, also die im heutigen sozialen Kontext erwünschte Unterdrückung ethnischer Vorurteile, beeinträchtige die kognitiven Leistungen.

          Hemmung der kognitiven Leistungsfähigkeit

          Tatsächlich haben die Forscher offenbar genau diese Reaktion im Gehirn beobachtet: Bei allen Studenten war nach der Konfrontation mit schwarzen Gesichtern eine Region, der sogenannte präfrontale Kortex, der schon des öfteren als eine Art Kontroll- und Aufsichtsorgan für Gedanken und Verhalten in Erscheinung getreten ist, stärker aktiv. Die negativen Gedanken, so interpretieren die Forscher das Phänomen, sollen unterdrückt werden, und die Testergebnisse in der anschließenden Prüfung fielen nach der Konfrontation mit schwarzen Gesichtern tatsächlich schlechter aus. Am schlechtesten waren sie, und am aktivsten war der präfrontale Kortex, bei den Personen mit den ausgeprägtesten Vorurteilen. Richeson und ihre Kollegen werten das als starkes Indiz, daß Rassenvorurteile die kognitive Leistungsfähigkeit hemmen. Wer rassistische Gedanken pflege oder auch nur unterschwellig hege, habe in einer multikulturellen Gesellschaft daher mit kognitiven Nachteilen zu rechnen.

          Eine derart pauschale Folgerung allerdings läßt sich mit den gelieferten Bildern und Daten wohl schwer begründen, wie auch in dem Editorial der Zeitschrift zum Ausdruck kommt: Der Versuchsaufbau bei solchen Experimenten, heißt es, ähnelt mehr der Kunstwelt von Videospielen als der realen Welt mit all ihren sozialen Interaktionen. Außerdem hat man nur die Reaktionen zwanzigjähriger amerikanischer, weißer Studenten eruiert - eine Gruppe, die schwerlich als repräsentativ für die ganze Gesellschaft gelten kann.

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