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Qatar klimatisiert Außenräume : „Hier geht es ums Überleben“

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Es ist zu heiß: Temperaturen von mehr als 45 Grad sind keine Ausnahme in der katarischen Hauptstadt Doha. Bild: dpa

Im Sommer steigen die Temperaturen in Qatar auf mehr als 40 Grad. Damit man unter diesen Bedingungen noch vor die Tür treten kann, wird in dem Emirat nun der öffentliche Raum klimatisiert.

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          Als die Leichtathletik-WM in Doha vor einem Monat begann, löste ein vollständig klimatisiertes Stadion bei Zuschauern wie Athleten Irritation aus. Die Organisatoren hätten mangelndes Umweltbewusstsein demonstriert, kritisierten die einen; das moderate Mikroklima in der Arena erhöhe das Risiko, sich eine Erkältung zu holen, mahnten die anderen. Mit Blick auf die Temperaturen wollen die Behörden in Qatar nun nicht länger zwischen Außenbereich und Innenraum unterscheiden. Vielmehr wird das Emirat der „Washington Post“ zufolge fortan auch öffentliche Plätze, Bürgersteige und Märkte klimatisieren.

          Qatar gehört zu den heißesten Orten der Welt. Seit der vorindustriellen Zeit sind die Temperaturen dort um durchschnittlich zwei Grad gestiegen. Dieser anhaltende Trend hat sich in den vergangenen dreißig Jahren noch einmal beschleunigt. Insofern ist das wichtigste Ziel der Klimakonferenz von Paris, den Temperaturanstieg auf 1,5 Grad zu begrenzen, in Qatar schon gescheitert. Sommertage mit mehr als 45 Grad sind in dem 2,7 Millionen Einwohner zählenden Land keine Ausnahme. Im Juli 2010 wurde sogar ein Spitzenwert von 50,4 Grad gemessen. „Außerhalb der Arktis gehört Qatar zu den Gegenden der Erde, die sich am schnellsten erwärmen“, sagt der Klimaforscher Zeke Hausfather von der Universität Berkeley.

          An dieser Hitze kann man sterben

          Das hat Folgen. Zum Beispiel wird die Fußball-Weltmeisterschaft 2022 zwar wie geplant in Qatar ausgetragen, dies allerdings erst im November – fünf Monate später als ursprünglich vorgesehen. Die extremen Temperaturen im Sommer wären für Sportler und Fans gleichermaßen ein erhebliches Risiko. „Wenn man die Klimaanlagen ausdreht, wird es unerträglich“, sagt Umweltaktivist Yousef al-Horr der „Washington Post“. Neeshad Shafi, ebenfalls ein Aktivist, geht noch weiter: „Hier geht es ums Überleben. Es ist zu heiß. Das ist die Realität.“ Dabei sind die Klimaanlagen ein Teil des Problems. Qatar nutzt fossile Brennstoffe, um Strom zu erzeugen, was den Ausstoß von Kohlendioxid erhöht, wodurch sich wiederum die Erde erwärmt, so dass der Bedarf nach wohltemperierten Räumen steigt. Es wird erwartet, dass sich die gesamte Kühlkapazität des Landes zwischen 2016 und 2030 verdoppelt.

          Die hohe Luftfeuchtigkeit am Persischen Golf verstärkt die Misere. Sobald der menschliche Körper anfängt zu schwitzen, gibt er überschüssige Wärme an die Umgebung ab. Schwüle Luft stört diesen Mechanismus, da der Schweiß nicht verdunstet und somit seine Kühlfunktion einbüßt. Die Konsequenzen davon erlebten 28 der 68 Marathonläuferinnen, die es bei der Leichtathletik-WM nicht bis ins Ziel schafften. „Ist es sehr heiß und liegt die relative Luftfeuchtigkeit bei nahezu 100 Prozent, kann man von der Hitze, die der eigene Körper erzeugt, sterben“, sagt Jos Lelieveld von Max-Planck-Institut.

          Die frische Luft kommt von unten: Kühlsystem im Al-Janoub-Stadion südlich von Doha

          Der Weltbank zufolge emittiert kein Land ein vergleichbares Volumen an Treibhausgasen pro Person wie Qatar: dreimal mehr als die Vereinigten Staaten, sechsmal mehr als China. Rund 60 Prozent des katarischen Stroms werden verbraucht, um Räume, Plätze und Sportarenen herunterzukühlen. Zum Vergleich: Inder oder Chinesen benötigen dafür gerade einmal zehn Prozent. Die Künstlerin Sophia al-Maria sagt: „Das Klima am Golf ist eine Art Prophezeiung für das, was noch auf uns zukommen wird.“ Was tun? Die Regierung von Qatar plant, eine Million Bäume zu pflanzen, und kündigt an, eine klimaneutrale Fußball-WM auszurichten.

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