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„heute show“ : Auf einen Gag mit Brüderle

„Das ist die Sendung, die ich immer wolte“: Oliver Welke im Studio der „heute show“ Bild: Schoepal, Edgar

Oliver Welke macht’s möglich: Der Fußball-Moderator präsentiert mit der „heute show“ die schonungsloseste Polit-Satire im deutschen Fernsehen und verleiht damit ausgerechnet dem ZDF ein Stück Coolness.

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          Oliver Welke bringt so schnell nichts aus der Fassung, doch am Donnerstagnachmittag ist er verblüfft. Gerade hat er erfahren, dass er mit seiner „heute show“ den Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis gewonnen hat, und jetzt sieht man ihn nachdenken darüber, was das bedeuten soll, wenn eine Nachrichten-Satire einen renommierten Journalistenpreis erhält. Er in einer Reihe mit Anne Will, Claus Kleber, Günter Gaus? Die Jury lobt in ihrer Begründung „Aufklärung mit Genuss in Zeiten des Politikverdrusses und des Misstrauens gegenüber herkömmlicher Berichterstattung“ - sollte Welkes Show die Realität tatsächlich besser abbilden und einordnen als „Tagesthemen“ und „heute journal“? Der Moderator muss die Mitteilung zwei Mal lesen, ehe er sagt: „Na, das ist ja ’n Ding.“

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Vielleicht ist es mit der „heute show“ wie mit dem Aufstieg der Piraten. Im Meer der gepflegten Langeweile hob ausgerechnet das ZDF 2009 eine Nachrichten-Satire ins Programm, die im Gegensatz zu den Polit-Aufsteigern von Anfang an Inhalt zeigte. Das Team mit Frontmann Welke macht vor nichts und niemandem halt, inklusive sich selbst und dem Sender. Statt beleidigt reagierte das ZDF entzückt und wandelte die Monats- in eine Wochensendung um, die jeden Freitag um 22.30 Uhr zwischen zwei und drei Millionen überwiegend junge Menschen einschalten; das ist für das ZDF sensationell.

          Inzwischen sind auch die Aufzeichnungstermine im Kölner Studio bis Anfang 2013 ausverkauft - und das, obwohl sich die Sendung fast nur um Politik dreht. Aber wie! Da bringt ein Reporter Sigmar Gabriel als Kanzler ins Gespräch und Welke sagt: „Hören Sie auf, gucken auch Kinder zu!“, da beschreibt die Bundesfamilienministerin in einem Buch Familie als reine Privatsache, und „heute show“-Nachrichtenfrau Martina Hill fragt: „Schröder, wofür brauchen wir dich dann?!“

          Die FDP hat es der Show angetan

          Besonders die FDP hat es der Show angetan. Ex-Generalsekretär Christian Lindner mutmaßte einmal gegenüber deren Reportern, die gesamte Gag-Struktur der Sendung beruhe auf den Liberalen. „Das hat er messerscharf analysiert“, sagt Welke jetzt im Gespräch im Konferenzraum seiner Redaktion; er hofft, dass die FDP nun in den Landtagen bleibt. „Sonst müssten wir uns einen Zweit-Gag zulegen.“

          Dabei kann die Show-Präsenz sogar Karrieren fördern. „Ich bin mir sicher, dass wir zur extrem gestiegenen Beliebtheit von Rainer Brüderle bei jungen Wählern beigetragen haben“, sagt Welke. In der Show wird der FDP-Fraktionschef, der stets ganze Silben verschluckt, im original Pfälzer Dialekt untertitelt: ein running gag. Als er dann im Januar in die Sendung kam, räumte das ZDF eine Viertelstunde mehr Sendezeit frei. „Seinen Besuch haben wir als Event abgefeiert“, sagt Welke, der Brüderle Respekt zollt. „Ich hätte verstanden, wenn er gesagt hätte: Zu euch geh’ ich nicht.“

          „Ihre Rede werden Sie komplett in der ’heute show’ hören“

          Wie reagiert der Berliner Politikbetrieb insgesamt auf die Sendung? Im Bundestag fällt neuerdings schon mal ein Satz wie „Ihre Rede werden Sie komplett in der ‚heute show‘ hören.“ Und Welke berichtet über Erfahrungen seiner Reporter: „Wir werden inzwischen erkannt. Manche flüchten dann regelrecht, andere wollen extra locker sein.“ Wobei besonders Letzteres schwierig, weil der Tod jeder Satire ist. In die Sendung selbst jedoch traut sich kaum ein Politiker. „Wir bekommen stapelweise Briefe, dass man uns guckt und wie sehr man uns schätzt, dass man aber leider keine Zeit habe, selbst vorbeizukommen.“ Beschwert aber hat sich bisher noch niemand. „Und wenn, wurde es nicht durchgestellt“, sagt Welke. „Ich rechne dem ZDF hoch an, dass sie uns hier in Ruhe arbeiten lassen.“

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