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Herrnhuter Weihnachtssterne : Ein zackiges Geschäft

Herrnhuterinnen machen Sterne aus Zinnen Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

In der Lausitz blüht eine weihnachtliche Tradition, die sich weder von Krieg noch von sozialistischer Dogmatik brechen ließ. Und auch nicht von der Marktwirtschaft. Im Gegenteil: Die Herrnhuter Weihnachtssterne sind so beliebt wie nie.

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          Zwar ist der Himmel über Herrnhut kein bißchen anders als der Himmel über anderen Orten der Oberlausitz. Einen solchen Sternenhimmel aber gibt es dennoch nur in Herrnhut: Rot leuchten sie, gelb, weiß und neuerdings auch blau und grün, ganz wenige sogar silbrig und golden. Die Decke der vielleicht 50 Quadratmeter großen Werkstatt ist vollgehängt mit vielzackigen, dreidimensionalen Sternen aus Papier und Kunststoff.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Unter diesem Sternenhimmel rollen, falten, kleben ein halbes Dutzend Frauen jahrein, jahraus mit immer gleichen Handgriffen, was sie lapidar „Tüten“ nennen. Das sind die Zacken für den original Herrnhuter Weihnachtsstern aus Papier. Insgesamt 25 dieser kleinen Pyramiden braucht man - siebzehn vierseitige und acht dreiseitige -, um daraus zu Hause einen Stern zusammenzubauen. Die kleinen Plastiksterne dagegen montieren die Herrnhuter Sternmacher lieber selbst. Zu diffizil ist die Arbeit und damit zu groß die Gefahr, daß ein Kunde sich unzufrieden abwendet vom Oberlausitzer Traditionsprodukt. Also wabert Klebstoffgeruch durch die Schauwerkstatt der Herrnhuter Sterne GmbH. Weihnachten riecht anders.

          Den Stern besingen und in die gute Stube holen

          Wann genau der erste Weihnachtsstern bei den Herrnhutern aufging, weiß man selbst im wohlsortierten Archiv der Unität nicht genau zu benennen. Vielleicht gab das Kirchenlied „Morgenstern auf finstere Nacht“ von Johann Scheffler den Anstoß. Die Pflege des kirchlichen Liedguts war der Brüder-Unität von Beginn an wichtig. Graf von Zinzendorf, auf dessen Grund und Boden sich die aus ihrer Heimat vertriebenen böhmischen Protestanten niederlassen durften, gab 1727 ein Bet- und Singbüchlein heraus. Zur Mitte des 18. Jahrhunderts trugen fast 200 von Hörnern und Posaunen begleitete Kinder der Brüder-Unität aus diesem Kompendium Schefflers Kompositionen zur Adventszeit vor. Irgendjemand aus der Unität muß eines Tages auf die Idee gekommen sein, den Stern nicht nur zu besingen, sondern ihn auch in die gute Stube zu holen.

          Der erste namentlich bekannte Sternebastler lebte im 19. Jahrhundert. Hermann Bourquin war später Lehrer im Internat der Herrnhuter Brüdergemeine Kleinwelka. Er „sternelte“ (wie das Sternebauen einst unter den Herrnhutern hieß) in der Vorweihnachtszeit mit seinen Schülern. Pädagogische Absicht dabei war, das räumliche Vorstellungsvermögen der Eleven zu trainieren. Das gemeinsame Basteln sollte jedoch auch dabei helfen, den Schülern ein herzliches, warmes Weihnachten zu bereiten, denn die Eltern vieler Schüler waren als Herrnhuter Missionare in fernen Ländern unterwegs. Die Kinder konnten selbst zum Fest des Herrn nicht auf ein Wiedersehen mit Vater und Mutter hoffen. Für sie war der Stern wie in der Weihnachtsgeschichte nicht nur Wegweiser zur Krippe, sondern trostspendendes Symbol für die Worte des Engels: „Fürchtet euch nicht!“

          Geschäftstüchtige Christen

          Weil die Herrnhuter geschäftstüchtige Christen sind, begannen sie bald auch in gemeindeeigenen Manufakturen mit der Herstellung ihrer Sterne. Begünstigt wurde der Vertrieb durch eine Erfindung des Buch- und Musikalienhändlers Pieter Hendrik Verbeek. Er war auf die Idee gekommen, die Sterne zusammengelegt zu versenden. Die Käufer konnten die einzelnen Zacken dann zu Hause um einen mitgelieferten Blechkörper herum montieren. Sein Sohn Harry gründete 1924 die Sterngesellschaft mbH, die zum ersten Mal Adventssterne ohne Blechkörper fertigen konnte. Die effektive Neuerung bestand darin, die Zacken mit einem stabilen Pappring zu versehen, an dem sie mit einfachen Briefverschlußklammern untereinander verwunden werden können. Nach ebendiesem Prinzip fügen viele zehntausend Käufer noch heute jedes Jahr ihren Herrnhuter Stern zusammen - ein durchaus anspruchsvolles Unterfangen.

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