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Hemdkragen : Picobello für den Augenblick

Der bourgeoise Schein: Hemdkragen von Louis Vuitton Bild: Felix Schmitt

Ein Hemdkragen ohne Hemd, das ist doch wie ein Deckel ohne Topf. Nein, nein! Ein Kragen ohne Hemd ist unter jungen, selbstbewussten Frauen eine modische Aussage.

          In Amerika ist die Zeit der Vorwahlen angebrochen. Da zählen nicht nur die Auftritte von Mitt Romney und Newt Gingrich, sondern auch - die Hemdkragen. Schließlich steht der Kragen im angloamerikanischen Ausland repräsentativ für ganze Bevölkerungsschichten. Mit blue collar sind Arbeiter gemeint, mit white collar Angestellte, und beide Gruppen dürften groß genug sein, um den Wahlausgang entscheidend zu beeinflussen. Der Kragen ist also begrifflich schon in aller Munde.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Vielleicht ist das ja auch ein guter Anlass für eine ganz andere soziologische Gruppe - junge selbstbewusste Frauen, ob in Amerika oder dem Rest der Welt, die Germanistik studieren oder ein Praktikum absolvieren oder einen Blog unterhalten -, den Kragen neu zu entdecken. Die Neuigkeit daran? Dem Kragen fehlt das passende Hemd. Seit Beginn der zehner Jahre dieses Jahrhunderts und besonders seit einigen Monaten emanzipiert sich der Kragen nämlich von seinem dazugehörigen Hemd.

          Miu Miu läutete das Modejahrzehnt vor einigen Saisons mit einer Kollektion für den Sommer 2010 ein, die einem besonders wegen ein paar lustiger alleinstehender Kragen mit Katzenaufdruck in Erinnerung blieb. Kurz darauf machte sich die damals vierzehnjährige Bloggerin Tavi Gevinson diese Kragen zueigen, jenes Mädchen, das die gesamte New Yorker Modeverlagswelt wie Choleriker aussehen ließ, weil sie in ihrem Alter so einflussreich wurde. Tavi kamen die Kragen zu dieser Zeit ziemlich gut zu passe, ist das Mädchen doch beides: eine gestandene Mode-Persönlichkeit - und dabei noch ein Teenager. Traditionell bekommen Kinder solche Kragen an Feiertagen um den Hals geschnürt, und scheinbar mühelos trug Tavi dieses kindliche Ritual nun in die Garderobe der nächstälteren Generation.

          Modisch breitet sich eine neue Wohlanständigkeit aus

          Dass ein loser Kragen dort bei modisch Affinen überhaupt auf Nährboden stößt, ist überraschend. In vielen Fällen sieht der Kragen so aus, als stamme er von einem Kostümverleih, der sich vorrangig mit Requisiten aus dem 19. Jahrhundert beschäftigt, als Frauen zu hochgeschlossenen Tageskleidern einen separaten blütenweißen Kragen trugen.

          Dieser bourgeoise Schein an jungen, selbstbewussten Frauen zeigt zunächst einmal, dass sich modisch eine neue Wohlanständigkeit ausbreitet. Und trotzdem, ganz ernst ist diese wohl nicht gemeint. Schließlich sollen die Kragen mit ihren Knopfleisten oder einem zusammengebundenen Schleifchen gerade wie aufgesetzt wirken. In unter einer Minute kommt man zum Look einer Fünfjährigen, die sich extra für Oma und Opa schick gemacht hat.

          Dass dieser Picobello-Zustand ebenso einfach mit Hilfe der Knopfleiste auch wieder rückgängig zu machen ist, könnte dabei symbolisch für das Lebensgefühl dieser Generation stehen. Der Kragen auf Zeit passt zu Praktika oder befristeten Arbeitsverträgen und zum Erasmus-Jahr.

          Der Kragen richtet sich nach den Lebensumständen junger Frauen

          In seiner Flexibilität richtet sich der Kragen nach den Lebensumständen von jungen Frauen, die sich heute oft in einer Art Warteschleife befinden. Kein Wunder, dass sich mit diesen Kragen ein gutes Geschäft machen lässt. Der Onlineshop Net-A-Porter hat sich schon gerüstet und führte vorsorglich unter Accessoires die Sonderkategorie "Kragen" ein. Die ist vorwiegend mit Modellen von Karl Lagerfeld gefüllt, der die kleinen Halskrausen in rauhen Mengen als Teil seines "Masstige"-Konzepts vor zwei Wochen in Paris lancierte. Auch Louis Vuitton scheint den Hals mit fragilen Spitzenkragen nicht voll zu kriegen.

          Davon abgesehen sind bei diesem Trend interessanterweise auch ein paar junge Sprösslinge großer Modedesigner dabei, die jetzt mit eigenem Kragendesign an den Start gehen. Simone Rocha, die Tochter des irischen Designers John Rocha, macht sich gerade mit sonderbaren Materialkombinationen wie PVC und Spitze einen Namen. Für den Sommer verwendet sie beide Stoffe in einem alleinstehenden Kragen. Und Delfina Delettrez Fendi, Tochter des römischen Modehauses Fendi, hat als Schmuckdesignerin in ihrer aktuellen Kollektion mehr Kragen als Ketten. Da ist zum Beispiel ein gelbgestreiftes Modell, das man so auch auf einer konservativen Grillparty an der deutschen Nordseeküste oder der amerikanischen Ostküste erwartet hätte. In diesen exklusiven Umgebungen haben ja vor allem jene wenig Einfluss, die den blue collar tragen.

          Dass derweil auch feste Größen des Kleiderschranks wie weiße oder blaue Hemden in der Zielgruppe der Frauen langfristig gegen den alleinstehenden Hemdkragen verlieren könnten, ist eher zweifelhaft. Dabei legt sich der naiv aussehende Hemdkragen ganz schön ins Zeug - und neigt mitunter zu Extremen. Oder was sonst sollen die winzigen Totenköpfe, die an Delfina Delettrez Fendis gehäkeltem Kragen baumeln?

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