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Helmut Lang : Mit unfehlbarer Hand

  • -Aktualisiert am

Applaus: Helmut Lang genießt die Anerkennung der Models Bild: AP

Ein Stadtindianer führt den Modezirkus an: Helmut Lang und der Geist der Zeit

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          Helmut Lang ist der bekannteste Eremit der Modewelt; daß er keinen Rummel um sich macht, das Abseits sucht und schmucklose Kleider fabriziert, weiß inzwischen jeder. Seine Diskretion ist in den neunziger Jahren zu einem unübertrefflichen Werbeeffekt geworden. Vielleicht liegt hier der Grund dafür, daß der gebürtige Wiener jetzt die Bezirke des Minimalismus zurücklässt. Minimalistisch sei er ohnehin nie wirklich gewesen, bemerkt Lang am langen gläsernen Tisch in seinem aseptisch weißen Konferenzraum. Das Hauptquartier des Designers im ersten Stock der New Yorker Greene Street wirkt wie die Schaubühnenkulisse für ein Botho-Strauß-Stück. Große schwarze Quader sind quer und hochkant geschichtet. Der Rezeptionstisch verriegelt den Weg als gigantischer Block. Die Tiefe des hohen Raums füllen verschiebbare Wände, hinter denen man die neue Kollektion mehr ahnen kann als sieht. Dieselbe Erhabenheitsästhetik regiert auch den Verkaufsraum im Parterre. Kein Schaufenster lockt den müßigen Passanten. Hinter weltabgewandten Garderobenwänden sind die Kleider lakonisch wie Bücher aufgereiht. Langs Konzept kommt dem Markenfetischismus entgegen. Seine Ware kann auf den Kunden warten wie der Gral auf Parzival.

          Trotz aller Bescheidenheit ist Lang sich des Einflusses wohl bewusst. Im letzten Sommer hat er eine Finanzierungspartnerschaft mit Prada, dem Mailänder Modeimperium, aufgenommen. Der Zusammenschluss bei kreativer Unabhängigkeit, wie es heißt, erlaubt Lang ein zügiges Expandieren. Auch stilistisch scheint er neue Wege gehen zu wollen. Zurzeit lässt Lang sich von Irving Penns Modefotografie inspirieren und spricht von Eleganz, die neu definiert werden muss: "Die Tage des sportlichen Stils sind vorbei. Jetzt hat ihn auch der Letzte begriffen. Ich glaube, dass nach dieser Sportlichkeit, die allgemein geworden ist, eine neue Definition von Eleganz gefunden werden muss: exzentrisch, chic, subtil? Das sind alte Begriffe, die neu gewendet werden wollen. Ohnehin - ich hatte immer einen Hang zum Eleganten." Als der letztes Jahr aus Wien in die Vereinigten Staaten umgezogene Designer noch in Paris zeigte, fielen seine zurückhaltenden Entwürfe aus dem Bombast der Couture-Schauen heraus und waren der Aufmerksamkeit einer überfütterten Modepresse sicher. Nun, da er Bürger im Heimatland der T-Shirts und Jeans geworden ist und seinen Laufsteg in New York ausrollt, kultiviert er auch die grandiose Geste.

          Ein Minimalist der großen Schritte

          Seine Kollektion für den Jahrtausendwinter hat ihm Schlagzeilen eingebracht. Während die Kollegen dem großen Datum auf komplizierten Umwegen symbolisch näher kamen, optimistische Farben, ökologische Flora- und Fauna-Applikationen oder multikulturelle Stilmischungen präsentierten, verblüffte Lang die Modeszene durch einen Astronautenoverall im Nasa-Stil. Der Schelmenstreich freut ihn noch immer. Lang versichert, dass er "nie furchtsam" war. Bei der Überlegung, wie man dem Millenniumswechsel am besten begegne, habe er das Offensichtlichste gewählt, um es dann zu verfeinern und zweckmäßig umzusetzen. Der Minimalist der großen Schritte gibt zu erkennen, dass dieses Verfahren überhaupt seiner Arbeitsweise entspricht. Wider die verbreitete Ansicht, er taste sich behutsam Saum für Saum und Knopf für Knopf über das Erreichte hinaus, sieht Lang sich eher als Freibeuter kleidungstechnischer Möglichkeiten: Am Anfang seiner Entwürfe stehe das unwahrscheinliche Vorbild, die ausgefallene Idee. Sie wird dann auf ihre elementaren Züge reduziert und der Lang-Linie kompatibel gemacht: "Viele Dinge werden interessant, wenn sie aus dem Kontext genommen sind und plötzlich eine eigene Bildsprache entwickeln."

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