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Helmut Lang : Mit unfehlbarer Hand

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Trachtenmeister des Augenblicks

Während das Kernstück der Herrenbekleidung auch bei ihm der Anzug bleibt, hat er als neuen Kern der Damenmode das T-Shirt-Kleid etabliert. In der Variation dieses Grundmodells ist Lang erstaunlich weit gekommen. Er rafft es unter der Taille in asymmetrisch verlaufende Falten, ironisiert die achtziger Jahre, indem er ihm zarte Kissen aufnäht, die wie Tauben über den Schultern hocken, lässt Bänder unter dem Saum hervorflattern, überzieht Seide mit einer dünnen Gummischicht, einen schlichten Baumwollstoff mit semi-transparenter Gaze oder nimmt dottergelben Polyester und gürtet ihn mit einer Schärpe, die er im Rücken förmlich zu Geisha-Polstern faltet.

Als Mittler zwischen der Alten und der Neuen Welt agieren beim Wiener die Farben. Für die Grundgarderobe ist seine Palette karg: "Schwarz und Weiß, Dunkelblau natürlich", setzt er wie ein gewissenhafter Herrenschneider hinzu, "dann noch Beige und Puder oder Hautfarben, besonders für Frauen." Darüber hinaus wählt er jede Saison zur Akzentuierung einige kräftige Töne aus. Himmelblau, Gelb, Geranienrot, Amethyst, warme Erdbeerfarben und toxisches Pink haben Pop-Art-Frische in sein Repertoire gebracht. Während sie zunächst nur am Rande auftauchten, hat Lang nun damit begonnen, die augenfälligen Farben stärker zu integrieren. In der letzten Sommerkollektion spielte ein rosa Sprenkelmuster eine zentrale Rolle: "Wir wollten den Effekt von alten Poesiealben", erklärt der Designer, "den Abdruck, der zurückbleibt, wenn die eingeklebten Blüten herausgefallen sind." Wenn sich hier noch von Minimalismus sprechen lässt, dann höchstens im Sinne einer barocken Reduktion. Langs Kleider ließen sich als das definieren, was vom Überschwang nach der Ernüchterung übrig bleibt, als stille Echos großer Emotionen. Sie besitzen ein feierliches Understatement und eine seelenvolle Verschwiegenheit, die im Kern sehr europäisch sind. Die Wiener Jugend ist Langs Arbeit eingeschrieben. Er bezeichnet die Stadt, in der er sich für zwei Jahrzehnte gegen die westliche Modehegemonie verschanzte, als zugleich altmodisch und ausgesprochen modern. Seine Freunde aus dem Milieu der bildenden Kunst haben ihm die Revolte gegen k. u. k. Sentimentalitäten vorgeführt. Konzeptkunst und konkrete Malerei machten Tabula rasa mit dem Schwemmgut der monarchischen Tradition. Und Lang hatte genug vom Tiroler in sich, um es ihnen in der Bekleidungsbranche gleichzutun. Es gefällt ihm, sich in den Wiener Jahren als österreichischer Asterix zu sehen, der seine Autonomie gegen Paris und Mailand keck aufrechterhält. Er hat den trotzigen Gebirgsgeist auch in die Neue Welt mitgenommen. Mit fein dosiertem Lächeln zitiert Lang ein indianisches Prinzip: "Die Dinge sind so schlecht, wie man sie macht. Es kommt auf die Haltung an." Wenn man den Wahl-Manhattaner mit seinen listigen Augenschlitzen, dem in den Nacken hängenden Haar und den temperierten Gesten vor sich sieht, nimmt seine neue Rolle plötzlich Gestalt an. So wie er als Gebirgskind der Wiener Arroganz und als österreichisches Original den Gesetzen der europäischen Modewelt standhielt, so spielt er in New York die verschlagene Rothaut, die sich erfolgreich durch das Unterholz stilistischer Maschen und Konventionen pirscht.

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