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Helmut Lang : Mit unfehlbarer Hand

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Lang spricht von einer tief greifenden Veränderung, die der Mode in den Neunzigern widerfuhr: "Es gibt ja eigentlich kein Klassensystem der Stile mehr: die Haute Couture für die Oberschicht, das Prêt-à-porter für die Mittelklasse und die Konfektion für den Rest." Die Ideen haben aufgehört, von oben nach unten zu sickern. Sie zirkulieren frei, wobei die Straße mehr und mehr die Haute Couture beeinflusst. Auch findet ein neuer Trend aus Paris oder Mailand blitzschnelle Nachahmer, die ihn von San Fernando bis nach Buxtehude flächendeckend streuen. Bei der Haute Couture herrscht indessen Ermüdung. Kaum jemand nimmt die schrillen Paradestücke der Designer, die über die Bildschirme der Fitness-Studios und Cybercafés flimmern, noch wirklich ernst. Langs undramatische Arbeitsweise der unscheinbaren Fortschritte immunisierte ihn gegen die Verschleißerscheinungen des Glamourbetriebs. Seine Schauen waren nicht verrückt genug, um nach ein paar Wochen schon zum alten Eisen zu gehören, und seine Neuerungen fanden so sehr im Detail statt, dass niemandem einfiel, sie zu kopieren. So bildete er eine Tradition für sich. Gerade diese Enthaltsamkeit ist wiederum zum Fetischobjekt geworden. Als die Frau der neunziger Jahre, angeführt von Madonna, ihr eigenes Schönheitsideal durchsetzte, wirkte Langs Mode jung und unverbraucht. Er zwang niemanden, Saison für Saison seinen Kleiderschrank nach den Launen eines Modefürsten auszuräumen, sondern bot dem neuen Bedürfnis nach individuellen Kombinationen durchdachte Einzelteile an, die sich vielseitig integrieren ließen. Gleichzeitig lernte er, seinen smarten Schnitten und körperfreundlichen Stoffen kleine Extravaganzen hinzuzufügen, die dem selbstbewussten Kunden schmeicheln. Seit einiger Zeit arbeitet er mit der amerikanischen Stylistin Melanie Ward zusammen, die hier ein paar Pailletten, dort eine Feder, einen farbigen Riegel oder ein Stück Schleier ergänzt und durch solche homöopathischen Eingriffe der eher strengen Lang-Linie ein delikates Gegengewicht verleiht.

Schon die Kindheit im Gebirgsdorf lehrte den Designer, die Geschlechter auch in der Kleidung zu unterscheiden. Deshalb weist Lang das Klischee zurück, er entwerfe androgyne Kollektionen. Im Gegenteil. "Was ich mache, ist sehr männlich und sehr weiblich." Das bestätigt sich erst auf den zweiten Blick. Denn seine unspektakulären Kleidungsstücke verweigern zunächst die klare Zuordnung. Bei genauerem Hinsehen wird deutlich, wie Lang es meint: Den Ausschlag geben die viel beschworenen Proportionen. Sie verleihen Mann und Frau eine sinnliche Silhouette, die ihren spezifischen Körpermaßen entspricht. Allerdings lässt sich nicht leugnen, dass der Wiener die Aneignung der maskulinen Standardgarderobe durch die Geschäftsfrau der achtziger Jahre mitvollzog und nachbereitete, indem er ihr die Schulterpolster, Bundfalten, Doppelreiher und andere Verirrungen austrieb. In den vergangenen Jahren hielt Lang jedoch mehr denn je an Rock und Kleid fest. Beide Grundelemente hat er gemäß den Anforderungen, die man an einen klassischen Herrenanzug stellen würde, reformiert. Seine Lösungen sind leicht, angenehm zu tragen, zurückhaltend und elegant. Zugleich steckt in jedem Teil ein überraschender Kunstgriff, durch den es aus dem Rahmen fällt. So näht er einen knielangen A-Linien-Rock aus Teddybär-Plüsch und variiert die Idee für die warme Saison, indem er hauchdünnen Seidenstoff wählt, auf dem zarte Locken wie verwehte Flaumfedern verteilt sind. Lang bemüht sich, die solide Basis, die er beiden Geschlechtern erarbeitet hat, produktiv zu erweitern. Er weiß, dass die Entkrampfung der sexuellen Differenz in Kleiderdingen noch immer ein aktuelles Anliegen ist, bei dem vor allem die maskuline Garderobe mit großem Fingerspitzengefühl behandelt werden will.

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