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Helmut Lang : Mit unfehlbarer Hand

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Langs ästhetisches Sensorium operiert nicht im Jenseits der Geschichte. Wiederholt spricht er von seiner Suche nach dem, was "zurzeit richtig" ist. Wie für alle Mode ist auch für die Arbeit des Exwieners die Wiederbelebung des Vergessenen ein konstitutives Element. Dabei geht es ihm nicht um Überraschungssiege. Vielmehr ist das Neue bei Helmut Lang daran zu erkennen, dass es wie das Alte aussieht, nur ist man seiner plötzlich nicht mehr überdrüssig. "Man muss die Tradition kennen", sagt er, "um zu wissen, was man ablehnt und was man behält." Als Lang 1986 mit seinem ersten Defilee in Paris debütierte, glückte ihm der große Auftritt, weil er dieses Motto in die Tat umsetzte. Im Kontext der Wien-Ausstellung "Traum und Wirklichkeit" zeigte man auch Designer aus Österreich. Lang fiel aus dem Rahmen, weil er aktualisierte Knickerbocker, schwarze Dirndloberteile, knappe Lodenmäntel und weiße Kellnerhemden ins Rampenlicht schickte.

Der Erfolg bestätigte sein Rezept. Er fuhr damit fort, im Fundus vergangener Kleidersitten nach klassischen Modellen zu suchen, und wandte ihre Tricks und Kniffe auf die Gegenwart an. Dabei galt sein Interesse weniger den Epochen der Mode, in denen das aufsteigende Bürgertum den Ton angab. Nicht die verfeinerte Opulenz, das Frivole, Übertriebene und Gewollte des einen oder anderen verhallten letzten Schreis regten ihn an. Sein Augenmerk galt mehr dem verdrängten Untergrund des Flitters. Gegen das Blendwerk setzte er die Tracht, das strapazierfähige Arbeitshabit und den Allzweckanzug, also das Kleiderethos des dritten Stands.

Das Klassensystem der Stile ist vorbei

Der Österreicher wurde in jungen Jahren nicht nur Zeuge einer vergangenen Epoche, auch mit der Natur war er gründlicher vertraut als seine Wiener Zeitgenossen. Während der Zehnjährige ihnen in mancher Hinsicht hinterherhinken musste, hatte der Zwanzigjährige einen Vorsprung: "Ich brauchte vieles nicht mehr zu lernen, mit dem man sich damals auseinander setzte", bemerkt Lang von den ökologisch bestimmten siebziger und achtziger Jahren. "Meine Bekannten begannen über natürliche Ressourcen, Wachstum, Atmosphäre und dergleichen nachzudenken, zu fragen: Was bedeutet Erde, was bedeutet Boden, was bedeutet die Natur für uns? Das hatte ich nicht mehr nötig. Ich hatte die Erdlektion schon hinter mir." Mit einer Mischung aus Spott und Entgeisterung spricht er von Freunden, die hundert Meilen fahren, um ihren Kindern eine Kuh zu zeigen. "Das war bei mir alles Gott sei Dank sehr natürlich."

Mit seinen wiederkehrenden Zyklen mag der ländliche Alltag von anachronistischer Schlichtheit sein, in anderer Hinsicht hat er für die Bewältigung aktueller Probleme durchaus einen Vorbildcharakter, der Lang nicht entgeht. Zum Dorfleben, zumal in den Alpen, gehört ein hoher Grad an Autonomie und Erfindungsreichtum. "Sie sagen, das ist nicht einfach", wirft Lang ein, als die Rede auf den objektiven Zwang kommt, zweimal im Jahr eine neue Kollektion auf die Beine zu stellen. "Wer sagt denn, dass es einfach sein muss? Gute Dinge sind schwierig." Und so erinnert seine stoische Ruhe gegenüber dem Modezirkus eher an einen Anrainerbauern, der seinen Acker zweimal jährlich vor Zaungästen bepflanzt, als an einen Magier, der immer neue Orchideensorten aus dem Hut zieht.

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