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Helmut Lang : Mit unfehlbarer Hand

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Für dieses Verpflanzen und Versetzen von genrespezifischen oder regionalen Kleidercodes finden sich Parallelen in Langs Biographie. Er hat die Erfahrung gemacht, dass ein radikaler Ortswechsel sehr fruchtbar sein kann, besonders dann, wenn man die Herkunft nicht aufgibt. Die ersten zehn Jahre seines Lebens verbrachte er in der Schuhmacherei seiner Großeltern im steiermärkischen Ramsau. Von 1966 an lebte das Scheidungskind beim Vater und dessen zweiter Frau in Wien. "Ich war ein wenig der Trottel", sagt er von seiner Ankunft in der österreichischen Hauptstadt. Ihm fehlte nicht nur die Vertrautheit mit dem Fernsehapparat, auch in sozialer Hinsicht hatte er dazuzulernen: "Wer aus armen Verhältnissen kam wie ich, der stand automatisch zurück und wartete ab. Man hatte diese unterwürfige Haltung. Die katholische Erziehung hat da nicht unbedingt geholfen." Etwas von dieser Verhaltenheit ist noch immer an Lang zu spüren, vor allem in der Dankbarkeit, mit der er von seinen Wiener Künstlerfreunden spricht. Sie lehrten ihn nicht nur, den Prozess der Auseinandersetzung mit einer weißen Leinwand zu verstehen, sondern beharrten auch darauf, dass Lang sein kreatives Potential gebrauchen müsse. Die Lehrer hingegen rieten dem jungen Mann aus den Bergen, der so viel nachzuholen hatte, zur Handelsakademie. Sie schützte ihn vor einer vorschnellen Berufsentscheidung und brachte ihm in der Zwischenzeit solide kaufmännische Grundlagen bei.

Der bereitwillig eingeschlagene Weg deutet darauf hin, dass das strategische Kalkül, für das man Langs Auftreten in der Modebranche bewundert, eine seiner Grundbegabungen ist. Mit traumwandlerischer Sicherheit schwimmt der Wiener gegen den Strom und interessiert so allemal die Trendsetter. Ein weithin widerhallender Coup war die Entscheidung, die eigenen Schauen gegen den internationalen Kalender vorzuverlegen und seine Kollektion schon Mitte September in New York vorzuführen. Andere große amerikanische Namen schlossen sich an und ein kleiner Umsturz hatte stattgefunden.
Bei Lang entsprang die Richtung, die seine Talente nehmen sollten, einer Mischung von Eigenbrötlertum und subversivem Naturell. Als er nach Wien kam, war die alteingesessene Maßschneiderei noch lebendig und wurde von seinen Freunden eifrig genutzt. Weil Lang mit der Kleidung, die man in den Geschäften kaufen konnte, nicht zufrieden war, begab auch er sich eines Tages in einen der "gediegenen Wiener Salons" und ließ dort nach seinen Vorstellungen von Material und Proportion verfahren. "Ich hatte nichts Besonderes vor, nur ein T-Shirt und eine Hose." Doch gerade darin lag die Besonderheit. Wer sonst kam schon auf die Idee, sich ein T-Shirt maßschneidern zu lassen? Allenfalls der Enkel eines Schusters, für den der Präzisionsschnitt ebenso selbstverständlich wie für andere die Jeans von der Stange war. Aus der Schuhmacherwerkstatt, in der er als Kind viel Zeit verbrachte, hat Lang den technischen Blick mitgenommen, der Dinge begutachtet und ihre Machart analysiert. Mit entschuldigendem Schulterzucken spricht er von ihrer "Dekonstruktion": "Es gibt einfach kein besseres Wort dafür." Freunde begannen, ihn auf seine Kleidung anzusprechen, und der inzwischen zum Barkeeper avancierte junge Mann erkannte seine Chance: "Sie fragten mich, ob ich so was auch für andere machen lassen könnte. Ich sagte: ,Okay, warum nicht?'" Der Weg führte nicht zurück in die Maßschneiderei, sondern in eine neue Art der Konfektion. Lang war es bei der persönlichen Garderobe nie nur um die eigene Passform gegangen. Was ihm vorschwebte, waren zeitgemäßere, kleidsamere Schnitte für alle: "Es liegt viel in der Scherenführung, wie und wo Schnittpunkte angesetzt werden, wie der Körper akzentuiert wird oder eben nicht. Und es ergibt einfach ein Gesamtbild, das dann einen entscheidenden Unterschied macht."

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