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Helge Schneider : "Man muss rauchen wollen"

Helge Schneider ist Unterhaltungskünstler, Regisseur, Schauspieler und Multiinstrumentalist. Mit seinem neuen Buch „Bonbon aus Wurst“ präsentiert er sich wieder als Schriftsteller. Ein Interview über Fiktion und Wirklichkeit, die Russen und Jürgen Fliege.

          3 Min.

          FRAGE: Herr Schneider, in Ihrer Autobiographie gibt es humorvolle Stellen, im Vordergrund steht aber doch die Kulturkritik. Was ist für Sie das größte Übel der Neuzeit?

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          ANTWORT: Wir haben das Problem mit der neuzeitlichen Fläche, das heißt, wir haben im Internet alle Kultur, und du kannst alles anfordern, du kannst das alles machen, und die Städte sind irgendwie leer, die Leute sitzen zu Hause. Sie gehen nicht mehr in Eduscho, weil es Eduscho nicht mehr gibt und bei Tchibo der Kaffee zu teuer ist oder irgendwie so was. Außerhalb dieser Medien haben wir keine von Mensch zu Mensch funktionierende Kulturgesellschaft. Wir haben nur noch Medien. Das prangere ich an.

          FRAGE: Als Sie Ihr Haus abreißen ließen, während Ihre Frau in New York beim Shoppen war, haben Sie ihr nichts davon erzählt. Als sie heimkam, stand das Haus nicht mehr.

          ANTWORT: Ich hätte zumindest einen Anruf machen können, weil ich ja den Aufenthaltsort wusste, in New York. Ich hätte das Haus aber auch an einer anderen Stelle wiedererrichten lassen können, wo sie es nicht erfährt, und dann in einem Überraschungskonvoi, vielleicht gemeinsam mit dem König von Tonga, der ein guter Freund von mir ist, dahin fahren und schauen.

          FRAGE: Sie schreiben, dass Sie mit Ihrem Hubschrauber am liebsten über Frankfurt fliegen. Warum?

          ANTWORT: Ganz klar, der Main, ein wunderbarer Fluss, mit den Schiffchen und den Girlanden. Was mir aber am meisten gefällt, ist die Figur an der Messe. Von oben sieht die ganz anders aus: kleiner.

          FRAGE: Sie sind zwar für die Umwelt, haben für Ihren Helikopterlandeplatz aber Wald gerodet.

          ANTWORT: 20 Hektar. Das war ein Versehen, weswegen ich mich aber schon verantwortet habe. Ich habe in Krefeld zwei Eichen gepflanzt, wie das auch in der Industrie üblich ist, da wird es auch so gemacht.

          FRAGE: Die Argentinier lieben Sie besonders. Warum?

          ANTWORT: Wahrscheinlich hat das mit der sprachlichen Attitüde zu tun. Meine Bücher sind in Argentinien in allen Volksschulen Unterrichtsstoff, auch meine Lieder. Meine Kleidung wird nachgeschneidert. In den Schneiderschulen.


          FRAGE: Man hat trotzdem den Eindruck, dass Sie unzufrieden sind. Weil Sie in dem, was Sie machen, nie perfekt sein können?

          ANTWORT: Die Russen können das, im Eislauf zum Beispiel erreichen sie diese Perfektion. Wir können das nicht. Und damit habe ich gelernt zu leben. Ich bin ja kein Russe, und es wird mir niemals möglich sein, ein Russe zu sein.

          FRAGE: Was ist für Sie der Unterschied zwischen Wahrheit und Wahrhaftigkeit?

          ANTWORT: Wahrheit ist, wenn man ein Gerät auf einen Tisch legt, weggeht, und man kommt zurück, und es war keiner im Raum, und das Gerät ist immer noch da. Wahrhaftigkeit ist: Das Gerät liegt auf dem Tisch, man ist überhaupt nicht da, man kommt nicht zurück, und das Gerät liegt da. Aber nicht immer noch, sondern schon wieder.

          FRAGE: Ihre Geschichten können Sie nicht alle selbst erlebt haben. Wollen Sie manchmal ein anderer sein?

          ANTWORT: Draußen vielleicht, jetzt, da schiebt einer so eine Karre, ein Straßenfeger, das habe ich ja auch gelernt, da würde ich jetzt gerne mal zehn Minuten tauschen, wegen der frischen Luft. Ich möchte jetzt nicht mit Elvis tauschen, zum Beispiel, bloß, weil er so berühmt ist, nein. Ich möchte auch nicht mit Fliege tauschen, weil der schon gestorben ist. Oder lebt der noch? Ich habe ihn lange nicht im Fernsehen gesehen. Auch mit Johannes Paul II. hätte ich nicht tauschen wollen, gerade weil ich ihn so gut kannte. Die Leute, die ich kenne, mit denen möchte ich eigentlich nicht tauschen. Aber wenn ich jetzt da runter zu dem Straßenfeger gegangen wäre und gesagt hätte, Entschuldigung, würden Sie mal mit mir tauschen, dann hätte ich das vielleicht noch gemacht, obwohl ich ihn dann ja schon gekannt hätte, fast.

          FRAGE: Wie wollen Sie im Gedächtnis bleiben?

          ANTWORT: Für mich wäre es ein starkes Stück, wenn man eines Tages, so in 150 Jahren, denkt, ich wär' Atze Schröder, beispielsweise, das wär' doch was. Oder Hans-Joachim Fuchsberger. Blacky! Dann heißt es: Wir haben die Noten von Blacky Fuchsberger gefunden! Katzenklo! Wahnsinn, der Fuchsberger.

          FRAGE: Sie beschreiben in Ihrem Buch, wie Sie sich auf 7000 Meter am Mount Everest mit Ihrer Zigarette wärmen. Bergsteiger sagen, es sei physikalisch unmöglich, dort eine Zigarette anzuzünden.

          ANTWORT: Das geht natürlich nur mit, also erst mal keine Filterzigarette, das geht gar nicht. Du musst dir das so vorstellen, die Luft ist ja dünn, sehr, sehr dünn. Allein der Prozess, Feuer zu machen, ist ja schon unheimlich anstrengend, das geht nur mit Spezialfeuerzeugen oder Streichhölzern. Feuerzeug geht gar nicht. Wenn du dann diese Spezialstreichhölzer hast, das sind meist auch welche, die auch unter Wasser zünden, dann muss man dermaßen stark an der Zigarette ziehen, dass du sie, wenn du jetzt unten wärst, in einem Zug aufrauchen würdest. Also man muss schon diese Kraft haben. Da ich Saxophonist bin und Trompeter, habe ich natürlich von der Lungenkapazität mehr Kapazität wie andere Menschen. Deshalb ist es mir überhaupt möglich, auf einen Berg zu steigen, ohne Aufwärmphase.

          FRAGE: Gibt es Beweise?

          ANTWORT: Ich hatte Filmaufnahmen davon, Super acht, die kleine Kamera. Wie so das Schicksal ist, ist sie mir aus der Hand in eine Gletscherspalte reingerutscht, ich noch hinterher, hab' aber gesehen, nee, da unten, da lagen schon drei. Da habe ich gesagt, nee, da kommst du nicht mehr lebend raus. Aber letztendlich geht es, es geht alles, man muss nur wollen. Man muss rauchen wollen. Ich schwöre also hier, so wahr mir Gott helfe: Ich habe geraucht.

          FRAGE: Auf 7000 Metern.

          ANTWORT: Das ist jetzt nicht zur Diskussion.

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