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Heiraten im Freizeitpark : Die Konkurrenz zur Euromaus

  • -Aktualisiert am

Die beiden könnten Entertainer in einer Europa-Park-Show sein - doch genau das wollen sie nicht. Sie wollen nicht sein wie ihre Kollegin, die Euromaus, die bereits seit fünf Stunden auf den Beinen ist und hohle Heiterkeit versprüht. Deshalb stehen sie auch nicht auf der Gehaltsliste des Parks, sondern werden für die halbe Stelle von ihren Kirchen bezahlt.

Gott wohnt auch im Banalen

Für Wilhelm ist das eine Winwin-Situation. Für den Park schaffen sie „emotionale Momente“ und damit etwas, an das sich die Besucher erinnern werden; für ihre Kirchen fangen sie versprengte Schäfchen ein. Lampeitl nennt sie „die treuen Kirchenfernen“.

Die beiden sind ein bewährtes Team: Zehn Jahre waren sie zusammen Seelsorger im Herzzentrum Lahr. Das hat sie über konfessionellen Zwist erhaben gemacht. „Wer so eine Station gemeinsam erlebt hat, den interessiert das nicht mehr“, sagt Lampeitl.

„Theologisch niederschwellig“, nennt Wilhelm seine Botschaften im Europa-Park und meint damit, dass Gott auch im Banalen wohnt. Es müsse für ihn nicht immer schwere Predigt sein, ein kleiner Plausch wirke auf ganz anderem Wege. Im geschlossenen Kosmos des Parks sei er von der gesteigerten Offenheit und Tiefe im Gespräch mit Fremden fasziniert. Da setzt er an. Er will Impulse geben, über den eigenen Glauben nachzudenken, einen neuen Zugang zu Gott zu finden. „Ich möchte wie Sauerteig wirken“, sagt Wilhelm. Er trägt einen Ehering und eine goldene Uhr, die Gläser seiner randlosen Brille färben sich braun in der Sonne. In ihrem Zweiergespann gilt er als der Stratege.

Zwischen Altenheim und Freizeitpark

Martin Lampeitl ist „der Narr Gottes - im Sinne Voltaires“. Wie Wilhelm hat der evangelische Diakon einen doppelten Auftrag: Eine Wochenhälfte lehrt er Sterbebegleitung in einem Altenpflegeheim, die andere verbringt er im Park. „Warum ich das hier mache? Weil ich Überzeugungstäter bin.“ Im Gespräch stellt er sich die Fragen gerne selbst. „Wo meine Grenze ist? Bei Halloween, das wird's mit mir nicht geben.“

Dass er im Europa-Park arbeitet, ist für ihn Bestimmung. Am liebsten würde er für immer bleiben, doch er weiß, dass jederzeit ein neuer Auftrag kommen kann, und dann muss er weiterziehen. „Gemeinsam mit Andreas Wilhelm? Keine Ahnung.“

In der Kapelle hat Diakon Wilhelm wieder das Wort ergriffen. Als er Yaisha das Kreuz auf die Stirn malt, beginnt ein paar hundert Meter weiter die Show Bamboe Baai „mit atemberaubender Akrobatik“. Kaum etwas trennt die Taufe von den Attraktionen hinter dem Hotel - so perfekt ist sie durchchoreografiert, so kleinlich ist jede rituelle Länge gestrafft, so kind- und elterngerecht ihr Ablauf. Nur die ehrliche Absicht der Theologen erhebt das Event zum Sakrament.

Für das Erinnerungsfoto stützt sich Yaishas Opa mit einem Fuß auf die Kirchenbank, der Rest drängt sich um die Kinder. Mittendrin steht Wilhelm und strahlt mit dem Heiligenschein der Mutter Gottes um die Wette.

So steht er noch, als vor der Tür bereits die Sektkorken knallen und nur ein einsames Mütterchen den letzten Kappellenwinkel fotografiert. Neben ihm sitzt Martin Lampeitl, der wie das Orchester der sinkenden Titanic mit ruhiger Miene bis zur letzten Sekunde spielt. Seine jazzigen Septakkorde schweben über die Türschwelle in die Lobby.

Bernardo hat aufgehört zu weinen.

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