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Heimerziehung : „Wir dachten, wir retten diese Kinder“

Im Kreis der Heimzöglinge: Wolfgang Bahr ist der dritte von links in der vorderen Reihe Bild: Privat

Seelische Verletzungen, körperliche Züchtigungen: Ein Runder Tisch in Berlin beschäftigt sich mit den Folgen der Heimerziehung in den fünfziger und sechziger Jahren. Vorausgegangen war eine Petition ehemaliger Heimkinder, in der sie um Anerkennung erlittenen Leids und Wiedergutmachung baten.

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          Wolfgang Bahr war sieben Jahre alt, als seine Mutter ihn im Heim abgab. Die Mutter hatte für ihn und seinen vier Jahre älteren Bruder die Koffer gepackt und die DDR samt geschiedenem Mann auf Nimmerwiedersehen verlassen - zur Tante nach West-Berlin, wie sie den Kindern erst sagte. Im Westen angekommen, hieß es dann, die Reise gehe zur Großmutter nach Konstanz. Doch auch dort kamen sie nie an: Unterwegs stieg die Mutter mit den Kindern aus dem Zug und brachte sie auf die Karlshöhe, ein evangelisches Kinderheim in den Hügeln über Ludwigsburg in der Nähe von Stuttgart.

          Susanne Kusicke
          Redakteurin der Politik.

          „Dort saßen wir dann im Speisesaal, meine Mutter am Tisch der Heimleitung, mein Bruder am Tisch der Zehn- bis Vierzehnjährigen und ich bei den Kleinen, und ich verstand die Welt nicht mehr“, erinnert sich Wolfgang Bahr an seinen ersten Tag auf der Karlshöhe: den ersten Tag des ersten Monats des ersten Jahrs. Am zweiten Tag verabschiedete sich die Mutter. Das war 1958. Dann kamen die restlichen Tage, Wochen, Monate und schließlich Jahre, neun insgesamt. 1967 wurde Wolfgang Bahr, sechzehnjährig, entlassen, um eine Lehre anzutreten. „Ich hatte immer die Hoffnung, dass sie eines Tages kommt und mich wieder abholt.“

          Anerkennung erlittenen Leids

          Doch die Mutter kam nicht; allerdings fand sie später eine Anstellung in Stuttgart, und die Kinder konnten sie dann und wann besuchen. Von Seiten des Heims oder Jugendamts wurde seines Wissens niemals überprüft, ob es andere Unterbringungsmöglichkeiten innerhalb der Verwandtschaft für die beiden Jungen gegeben hätte - eines von vielen Versäumnissen, über die Wolfgang Bahr viele, viele Jahre später vor dem Petitionsausschuss des Deutschen Bundestags in Berlin berichten sollte.

          Entlassen: Der Zögling mit 16 Jahren
          Entlassen: Der Zögling mit 16 Jahren : Bild: Privat

          Denn der Petitionausschuss des Bundestags hat angesichts einer Fülle von Klagen ehemaliger Heimkinder nach zwei Jahre dauernden Vorarbeiten, Anhörungen und Rechtsberatungen Ende 2008 empfohlen, einen Runden Tisch über die Folgen der Heimerziehung in den fünfziger und sechziger Jahren einzurichten. Der Runde Tisch nahm seine Arbeit im Februar unter Moderation der Grünen-Politikerin, früheren Bundestagsvizepräsidentin und Theologin Antje Vollmer auf. Vorausgegangen war eine Petition ehemaliger Heimkinder, in der sie um Anerkennung erlittenen Leids und Wiedergutmachung in Form von therapeutischen Hilfen, Opferentschädigungen und nachträglich anerkannten Rentenansprüchen baten.

          Damalige Zustände historisch einordnen

          Die Sache ins Rollen gebracht hatte jedoch das Buch des „Spiegel“-Journalisten Peter Wensierski: „Schläge im Namen des Herrn“, erschienen im Jahr 2006. Damals meldeten sich aus ganz Deutschland Betroffene, die ihr eigenes Schicksal in den Schilderungen des Autors wiedererkannten. Auch die Kirchen, in deren Trägerschaft die meisten Kinderheime in den fünfziger und sechziger Jahren gelegen hatten, brachen vielfach ihr Schweigen über das unliebsame Thema: In mehreren Landeskirchen und Diözesen wurden Gesprächskreise gebildet, die ehemalige Heimkinder und Erzieher zusammenbringen, um zu einem Dialog, womöglich einer Versöhnung zu gelangen.

          Ziel des zentralen Runden Tisches in Berlin soll es sein, sowohl Heimkinder als auch die Träger der Heime, Direktoren und Erzieher anzuhören und das Ausmaß des Unrechts zu klären. „Die Frage ist, was davon ganz selbstverständlich den Erziehungsstandards dieser Zeit entsprach und ob es sich um systematisches Unrecht oder um einzelne Verstöße handelte“, sagte Antje Vollmer der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Derzeit gibt es nicht einmal genaue Zahlen, wie viele Kinder betroffen oder in dieser Zeit überhaupt in Heimen untergebracht waren; die Zahlen schwanken zwischen 200.000 und 500.000. In einem zweiten Schritt sollen die rechtliche Verantwortlichkeit geklärt und die damaligen Zustände historisch eingeordnet werden.

          Eine Gratwanderung

          Drittens soll es um die Frage möglicher Entschädigungen gehen. Antje Vollmer hütet sich jedoch, ein Ziel vor allem für den letzten Punkt vorzugeben. „Das Ergebnis soll so sein, dass alle zustimmen können. Eine Entschädigung ist natürlich nicht ausgeschlossen, aber eben auch nicht garantiert, und schon gar nicht sollen die Institutionen von vornherein in eine Verteidigungshaltung gedrängt werden.“

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