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Heimerziehung : Kinder, ab ins Heim!

Die Heimerziehung sollte so normal wie möglich gestaltet werden Bild: Frank Röth

Eine verpönte Erkenntnis setzt sich wieder durch: Für Kinder ist es manchmal das Beste, wenn man sie ihren Eltern wegnimmt. Aber wo landen sie dann? Ein Ausblick für die Heimerziehung im Jahr 2007.

          5 Min.

          Die wichtigen Feste werden alle im Heim gefeiert. Unter dem Frühstücksteller des Geburtstagskindes zum Beispiel liegt eine schmückende Serviette, und „dann tut jeder gratulieren“, wie Benny sagt, der kürzlich 13 Jahre alt geworden ist. Benny pflügt seinen Kaffeelöffel durch eine Schale mit Kakaopulver, der Junge spricht langsam: „Nachmittags sind dann alle da.“ Jeder Satz scheint aus unendlicher Ferne zu kommen und übergroße Konzentration zu kosten. Bennys Blick klebt am Kakao.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Erzieherin neben ihm streichelt seine Hand. „Und dann hab' ich Geschenke ausgepackt“, sagt Benny. Ein Legoschiff. Ein Freunde-Buch, „da tut man reinschreiben, wer Freunde sind“. Gummibärchen. „Ein paar Socken von Deutschland.“ Als Benny auch noch das geschenkte Haargel erwähnt, fängt Jana an zu kichern, bis Anne, die Älteste, sie zischend zur Ruhe ruft. Benny drückt einen Kakaohügel über den Schälchenrand auf den Tisch. „Hör bitte auf“, sagt die Erzieherin, fasst seine Hand fester und wiederholt mit Nachdruck: „Bitte!“

          Kräutertee und Kekse

          Ein Doppelhaus am Stadtrand von Marburg, dort, wo die Tempo-30-Zone in Landschaft übergeht. An derselben Klingel stehen sechs verschiedene Nachnamen, sonst ist von außen nicht zu erkennen, dass das Gebäude eine Wohngruppe der Jugendheim Marbach GmbH beherbergt. Die Wände des Wohnzimmers sind in warmem Gelb gestrichen, über der Anrichte hängen Fotos von gemeinsamen Urlauben. Am großen Esstisch gibt es Kräutertee und Kekse. Jeder darf erzählen, keiner muss. Als Benny (Name geändert) nicht mehr stillsitzen kann, verabschiedet er sich für eine Runde Radfahren.

          Patchwork-Familie: Türschild zur „Wohngruppe” von Familie Günther

          Markus, 16, kommt aus einer Alkoholikerfamilie, hat ein Jahr lang die Schule geschwänzt und lässt sich gerne massieren. Der schüchterne Joel hat einen Waschbrettbauch. Sein Betreuer witzelt liebevoll: Verglichen mit dem Vierzehnjährigen, habe er selbst einen Waschbärbauch. Jana, 14, mit dem sonnigen Lachen lebt seit einem Hirnschlag als Kind in einer Welt aus Kuscheltieren. Sie sagt: „Ich will zur Mama.“ Aber die ist in der Psychiatrie. Micha verbringt den Nachmittag beim Bogenschießen.

          „Das ist ja fast wie Familie“

          Auf Anne sind alle stolz. Die Siebzehnjährige hat einen geraden Blick und macht eine Ausbildung zur Arzthelferin, nur sieben Bewerbungen waren mit ihrem Realschulabschluss nötig. Anne sagt: „Bevor ich hierhergekommen bin, habe ich immer gedacht, ein Heim ist ein Riesenhaus, und da leben 150 Kinder. Aber das hier ist ja wie eine Wohngemeinschaft. Das ist ja fast wie Familie.“

          Es gibt sie noch, vereinzelt, die Häuserklötze, die nach Kaserne aussehen und sechzig Jungen auf einmal beherbergen. Erziehungsanstalten mit gigantischen Speisesälen, in denen dem Direktor auf Kommando ein vielkehliges „Guten Appetit“ entgegenschallt. Aber schon das „Waisenhaus“ in München trägt seinen Namen nur mehr aus Tradition, und hinter der überkommenen Fassade verbirgt sich eine typische moderne Institution, in der unterschiedlichste Betreuungsangebote und Erziehungshilfen ineinandergreifen.

          Was heißt es 2007 ins Heim gesteckt zu werden?

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