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Heimerziehung : Die Betreuer wurden mit den Kindern ausgestoßen

Junge in einem Schlafsaal der Karlshöhe mit insgesamt zwanzig Betten Bild:

Die Heimerziehung in den fünfziger und sechziger Jahren war nicht nur für die Kinder, sondern auch für die Betreuer eine Zumutung. Werner Hertler, der mit neunzehn Jahren Erzieher in der Karlshöhe bei Ludwigsburg wurde, erinnert sich.

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          Werner Hertler kam als Neunzehnjähriger auf die Karlshöhe. Er stand in der Ausbildung zum Diakon, das erste Jahr hatte er in einem Kinderheim in Hamburg gearbeitet. Jetzt also die Karlshöhe in Ludwigsburg bei Stuttgart. „Nun, Bruder Hertler“, sagte der Direktor, „Sie gehen zu Fräulein März, der Erzieherin im Oberen Haus, Sie haben ja schon Erfahrung mit der Erziehungsarbeit.“ Und so wurde Hertler zum Hilfserzieher für 18 Jungen zwischen neun und 15 Jahren, fast allein verantwortlich für ihren gesamten Tagesablauf, für Gesundheit und Erziehung, mit einer Freistunde am Tag und freien Sonntagen alle zwei Wochen. „Es war eine Aufgabe, der ich mich mit ganzer Kraft gestellt habe“, sagt der leicht ergraute Mann.

          Susanne Kusicke
          Redakteurin der Politik.

          Wie und ob er sie bewältigte, darüber hat Hertler in der zweiten Sitzung des runden Tisches in Berlin berichtet, der sich mit der Kinderheimerziehung in den fünfziger und sechziger Jahren befasst – und sich in seiner nächsten Sitzung im Juni mit den rechtlichen Voraussetzungen einer möglichen Entschädigung der Heimkinder beschäftigen wird. Hertler gehört zu den wenigen Erziehern und Verantwortlichen aus jener Zeit, die sich überhaupt öffentlich über ihre Rolle äußern und Vorverurteilungen nicht fürchten. Denn seit Erscheinen des Buchs „Schläge im Namen des Herrn“ von Peter Wensierski im Jahr 2006 fühlen sich viele frühere Erzieher pauschal verurteilt und zu Unrecht an den Pranger gestellt. Die Zeitumstände würden nicht berücksichtigt, lautet vielfach die Kritik, und es werde kaum gefragt, was in der Erziehung damals weithin für normal gehalten wurde.

          Es war die Gesellschaft, die diese Kinder von sich schob

          Eine Lehrerin jener Zeit schrieb: „Dass die Heimkinder die problematische Situation von uns Erwachsenen damals nicht ermessen können, ist Kindesrecht, erschwert aber eine Verständigung über die gemeinsame Zeit.“ Sie lehnte es ab, sich an einem der Gesprächskreise zu beteiligen, die mittlerweile in manchen Heimen entstanden sind. Viele andere Erzieher haben sich anders entschieden: Sie versuchen sich darüber klarzuwerden, was damals – auch mit ihnen – geschehen ist.

          Luftaufnahme der Karlshöhe zu Beginn der 60er Jahre
          Luftaufnahme der Karlshöhe zu Beginn der 60er Jahre : Bild: Privat

          „Es war die Gesellschaft, die diese Kinder von sich schob, diese Waisen und Halbwaisen, Kinder von Alleinerziehenden oder gar Prostituierten, diese ,renitenten‘ Halbwüchsigen oder sonst wie Verhaltensauffälligen, und wir waren ein wenig mit ihnen ausgestoßen“, berichtet ein anderer Hilfserzieher jener Jahre.

          Es musste nur alles funktionieren

          Die jungen Leute, kaum älter als die Kinder, für die sie verantwortlich waren, kamen zum Teil selbst aus schwierigen familiären Zusammenhängen und gerieten nahezu ohne Ausbildung in die Heim-Situation. Reflexion darüber war weder erwünscht noch möglich. „Es gab keinerlei ,Feedback‘, wie man das heute nennen würde, keine Möglichkeit und keine Zeit, zurückzutreten und das Ganze mit Distanz zu betrachten. Es musste nur alles funktionieren. Wenn mal etwas Besonderes gelang, waren wir stolz und froh.“

          Die Erzieher lebten und arbeiteten mit den Kindern, teilten ihren Alltag. Nachts weckten sie die Bettnässer, damit sie zur Toilette gingen, morgens schauten sie als Erstes unter die Betten, um noch unauffällig Pfützen zu beseitigen. Das Leben war klar strukturiert und arbeitsreich: Wecken, Waschen, Hausdienste versehen, Frühstück, Andacht, Schule für die Kinder – und für die Erzieher. Mittagessen, Mittagspause, dann drei- bis viermal in der Woche Arbeitseinsatz auf dem Feld oder in der Hauswirtschaft. „Wir arbeiteten je nach Jahreszeit, Rüben hacken, jäten, Äpfel ernten“, berichtet Hertler. „Diese Arbeiten waren für mich nicht immer erfreulich, aber selbstverständlich.“

          „Ich dachte, den Kindern geht es gut“

          Am späten Nachmittag gab es im Kinderhaus eine Vesper, Marmeladenbrot mit Tee oder Kakao, anschließend wurden Hausaufgaben erledigt. Dann konnten die Kinder spielen, Tischtennis im Haus oder Fußball davor, Brettspiele, Singen. Nach dem Abendessen folgte noch einmal eine Andacht, nach dem Waschen und Zähneputzen vielleicht eine Geschichte und zum Schluss das Abendgebet oder ein Lied. Doch es gab auch Höhepunkte: den Hallenbadbesuch einmal in der Woche, Ausflüge, Wanderungen, Feste, einmal im Jahr ein Zeltlager. „Ich hatte damals den Eindruck, dass viel für die Kinder unternommen wird. Ich dachte, den Kindern geht es gut und ich kann dabei mithelfen.“

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