https://www.faz.net/-gum-6wuf9

Havarie der Costa Concordia : Kapitän unter Hausarrest gestellt

  • Aktualisiert am

„Was machen sie? Geben sie die Rettung auf?“

Der Staatsanwalt wirft ihm vor, das Schiff mit mehr als 4200 Personen an Bord zu nahe an die kleine Insel Giglio vor der toskanischen Küste gelenkt zu haben. In Zeitungsberichten hieß es am Dienstag auch, der Kapitän habe nach dem Unglück mehr als eine Stunde lang die Passagiere mit der Durchsage beruhigen wollen, es gebe nur eine Strompanne. Viel zu spät habe er den Ernst der Lage erkannt. Der „Corriere della Sera“ schrieb, als der Kapitän keine Vorbereitungen zur Evakuierung treffen wollte, habe die Besatzung in einer Art Meuterei die Initiative ergriffen und die Rettungsboote klargemacht.

Italienische Zeitungen gaben am Dienstag auf ihren Internetseiten auch den Wortlaut eines Telefonats des Kapitäns mit der Kommandantur des Festlandhafens Livorno wider. Die Umstände des um 1.46 Uhr geführten Gesprächs legen nahe, dass der Kapitän das Schiff noch während der Rettung der Passagiere verlassen hatte, gegen 23 Uhr. „Sie gehen jetzt zum Bug, klettern die Strickleiter hoch und leiten die Evakuierung ihres Schiffs“, wird der Offizier in den Zeitungen zitiert. Er habe den Kapitän aufgefordert: „Sie müssen uns sagen, wie viele Leute da noch sind, Kinder, Frauen, Männer, die genauen Zahlen in jeder Gruppe!“ Schettino habe keine Informationen geben können. Darauf der Offizier: „Was machen sie? Geben sie die Rettung auf?“ Schettino: „Nein, nein, ich bin da, ich koordiniere die Rettung.“ Doch zu diesem Zeitpunkt war der Kapitän demnach längst von Bord.

Passagiere wollen Kreuzfahrt-Veranstalter verklagen

Auf die Frage vom Hafen, ob es Tote gebe, habe Schettino zurückgefragt: „Wie viele?“ Der Offizier darauf: „Das müssen doch sie mir sagen! Was machen Sie? Gehen sie jetzt endlich an Bord zurück und sagen Sie uns, was wir machen können!“ Bei einer ersten Anhörung am Samstag hatte der Kapitän noch ausgesagt: „Wir waren die letzten, die das Schiff verlassen haben.“ Der Felsen sei auf den Seekarten nicht verzeichnet gewesen. Dieser Darstellung widersprachen der Staatsanwalt und die Reederei schon am Montag. Der Felsen sei eingezeichnet, das Unglück sei auf menschliches Versagen, auf Fehlentscheidungen des Kapitäns zurückzuführen. Mit Kreuzfahrtschiffen die Passage zwischen der Insel Giglio und dem Festland zu wählen – statt einer Route über die offene See – ist offenbar üblich, damit die Passagiere den Anblick genießen können.

Während es zunächst durchgängig hieß, die Besatzung habe chaotisch reagiert und sei von dem Unglück überfordert worden, gibt es mittlerweile auch andere Stimmen. So sagte die Stewardess der Concordia Marie Bulgarini aus Wien: „Wie sich manche Passagiere verhalten haben, war eine Katastrophe. Anweisungen der Mitarbeiter wurden einfach nicht befolgt.“ Die Besatzung habe gut zusammengearbeitet, die Passagiere seien schnell vom Schiff in Sicherheit gebracht worden. Die Passagiere seien in mehreren Sprachen über die Lage unterrichtet worden.

Der Chef des Verbraucherschutzverbands Codacons, Carlo Rienzi, gab am Dienstag bekannt, dass sich schon mehr als 70 Passagiere der „Costa Concordia“ an einer Sammelklage gegen die Kreuzfahrtgesellschaft Costa Crociere beteiligen würden.  „Unser Ziel ist es, jedem Passagier eine Entschädigung von mindestens 10.000 Euro für den entstandenen materiellen Schaden, die ausgestandene Angst, die ruinierten Ferien und die ernsthaften Risiken zukommen zu lassen“, erklärte Rienzi. Sein Verband hatte die Klage angestoßen.

Weitere Themen

Fast fünf Jahre Haft für Doping-Arzt Video-Seite öffnen

„Operation Aderlass“ : Fast fünf Jahre Haft für Doping-Arzt

Im ersten großen Strafprozess seit Einführung des Anti-Doping-Gesetzes von 2015 sprach das Gericht auch die vier Helfer des Arztes schuldig. Der Arzt hatte bereits zu Beginn des Prozesses im September zugegeben, beim Doping geholfen zu haben, bestritt aber, dies aus Profitgründen getan zu haben. Und er habe die Gesundheit der Athleten nie gefährdet.

Topmeldungen

Hat sich am Ende durchgesetzt: Armin Laschet (Mitte) mit der bisherigen CDU-Vorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer und seinem unterlegenen Konkurrenten Friedrich Merz

Neuer CDU-Vorsitzender : Mit Laschet auf Nummer Sicher

So eindeutig Armin Laschet sich gegen Friedrich Merz durchsetzen konnte, so gespalten bleibt die Partei. Laschet wird die Kanzlerkandidatur ansteuern. Die Entscheidung darüber fällt in den Landtagswahlen.
Hohes Bedrohungspotential: Mitglieder der Nationalgarde am 13. Januar im Kapitol

Vor der Amtseinführung Bidens : Der Aufstand dauert an

Das FBI ist vor der Zeremonie zur Amtseinführung Joe Bidens besorgt über das Gewaltpotential. Nach der Blamage am 6. Januar im Kapitol wollen die amerikanischen Sicherheitsbehörden am Mittwoch auf Nummer Sicher gehen.

Verbrauch schwerer Lastwagen : Jedes Jahr ein Zehntel weniger

Welches Lastwagengespann verbraucht unter gleichen Bedingungen am wenigsten, wer fährt am ökonomischsten? Daf, MAN, Mercedes-Benz und Scania traten auf der European Truck Challenge (ETC) gegeneinander an.
Halbleiterfertigung von Bosch: Die Schwaben setzen zu großen Teilen auf eigene Chips.

Produktion stottert : Chipmangel bremst Autobranche

Weil Halbleiter fehlen, kündigt mancher Hersteller sogar Kurzarbeit an. Die Branche sucht derweil nach Lösungen und ist dafür auch mit der Bundesregierung im Gespräch.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.