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#NotJustSad : Depression zu verkaufen

  • -Aktualisiert am

Twitter ist immer für dich da. Bild: Picture-Alliance

Depression ist eine schwere Krankheit. Aber auch eine, die man zu Geld machen kann. Das zeigt der Streit, den gerade zwei Frauen auf Twitter führen.

          Um als Depressiver in Deutschland zu gewissem Ruhm zu gelangen, haben sich zuletzt zwei Wege als zielführend erwiesen: Selbstmord oder twittern. Beide haben ihre Vor- und Nachteile. Aufs eindrucksvollste kreuzten die Wege sich am 10. November 2014. Die Nation beging den fünften Jahrestag des Selbstmordes von Robert Enke. Der Westdeutsche Rundfunk sendete auf mehreren Kanälen Porträts des „sehr empathischen Menschen“. Nachdenklich erschauderte der „Bild“-Reporter Florian Krebs: „So erlebte ich den 10. November 2009.“ Im Blick zurück erschienen die Dinge kristallklar: „Nichts wird mehr so sein, wie es vorher war.“ Eine Ausstellung im Niedersächsischen Landesmuseum erinnerte an „unseren Freund und Torwart“. Die Robert-Enke-Stiftung machte auch etwas. Und wie immer, wenn ein Thema durchs Land zittert, zitterten Ausläufer auch durch Twitter. Doch diesmal geschah mehr.

          Das lag an zwei jungen Frauen. Die eine begann am Nachmittag über ihre eigene Depression zu twittern. Es war eine Modebloggerin aus Berlin, was keine Beleidigung ist. Die Frau schrieb zum Beispiel: „Wenn ihr selbst keine Depressionen habt, dann dürft ihr auch nicht mitreden und uns sagen, wie es uns zu gehen hat und was wir tun sollen.“ Dies leuchtete vielen Twitterern auf bestechende Weise ein; zwar schloss es etwa Ärzte vom Gespräch über Depressionen aus, nicht aber Menschen, die sich nun einmal zu Depressiven erklärt hatten. Dieser Tweet und weitere der Bloggerin fanden Verbreitung. Ein paar Stunden später trat die andere junge Frau auf den Plan.

          Die „Aktivistin, Speakerin und freie Autorin“ (so die „Aktivistin, Speakerin und freie Autorin“ über sich) schlug vor, Tweets über Depression mit einem Schlagwort zu markieren. Dieses sollte „NotJustSad“ lauten, „nicht bloß traurig“. Dem lag die Annahme zugrunde, Depressive würden ständig mit Schlechtgelaunten verwechselt. Nun wollte man die Dinge klarstellen. Die depressive Bloggerin nahm den Vorschlag der Aktivistin gern an. Sie schrieb das Schlagwort in ihre Tweets, und Hunderte andere folgten ihr. Wie fröhliche Delfine in der Bugwelle eines Schiffes surften nette Journalisten mit. In den folgenden Tagen erklärten sie ihren Lesern, wie die Depressiven ihre Depressionen erklärten und dass Schlagwörter auf Twitter freilich Hashtag heißen. Es war wie aus einem Traum von Martin Luther King. Doch dann brach die Realität ein. Und Depressionen spielten keine Rolle mehr.

          Wem steht der Ruhm zu?

          Zwischen den beiden jungen Frauen entbrannte ein Streit darüber, wem der Ruhm gebührte, den „NotJustSad“ einbrachte: der Bloggerin mit den beliebten Depri-Tweets oder der Aktivistin, die das Schlagwort vorschlug. Schleichend ging es los. Am 12. November erschien die Bloggerin im „Heute-Journal“ des ZDF. Auf Twitter kündigte sie das an. Sie habe den Fernsehleuten auch den Namen der Aktivistin genannt, aber irgendwie hätten die den nicht mit reingenommen. Ein paar Tage später sprach sie mit einem Videoblog über „NotJustSad“. Die Aktivistin war nicht dabei. Die Bloggerin twitterte ihr zu: „Hat tierisch Spaß gemacht, schade, dass du nicht konntest!“ Die Aktivistin: „Ich konnte nicht?“ Irgendwie traurig.

          Inzwischen hat die Bloggerin einen Buchvertrag. Sie schreibt über Depressionen. Ihr Verlag wirbt mit ihrem Twitter-Ruhm: „Im November 2014 zog sie das Interesse der Öffentlichkeit auf sich, als sie auf Twitter ganz offen über ihre Depressionserkrankung sprach. Seitdem ist sie regelmäßig Gast in Radio- und TV-Sendungen.“ Auch diese Woche war sie wieder im Fernsehen. Sie steckte sich eine Zigarette zwischen die Lippen. Aus dem Off tat der Sprecher bewundernd kund, die Bloggerin leide unter Depressionen, wobei sie „das Wort ,leiden‘ eigentlich gar nicht mag“. Das ist natürlich schön, denn eine Krankheit, unter der man nicht leidet, ist ja schon mal besser als beispielsweise eine Gürtelrose, über die man auf Twitter erstaunlich wenig liest. In einem Blogeintrag schrieb die Bloggerin im März, dass sie sich selbst „gar nicht als krank“ sehe und „dementsprechend auch nicht so behandelt werden möchte“. Das ist nun wiederum schwer zu verstehen für alle, die aber ohnehin nicht mitreden dürfen, also Nichtdepressive. Depression erscheint als Krankheit, die aber nicht krank macht, ein dunkles Accessoire, das Arschgeweih der Seele.

          Dem Eindruck widersprechen Depressive, die sehr wohl - und furchtbar! - unter ihrer Krankheit leiden. Sie haben allerdings anderes zu tun, als sich öffentlich darüber zu streiten, wem welcher Medienauftritt zusteht. Die Aktivistin betont nun auf Twitter ihre „unbezahlte Arbeit“ für „NotJustSad“, die Bloggerin, dass sie für Medienauftritte kein Geld erhalte und das Buch ihre Autobiographie sei. Noch jetzt, ein halbes Jahr nach dem verhängnisvollen Tag im November, geht es um Namensnennungen in Fernsehsendungen, den angeblichen Boykott von Absprachen und darum, dass Tweets der Bloggerin auch schon beliebt waren, als es das Schlagwort der Aktivistin noch gar nicht gab. Wenn das Hauptproblem Depressiver darin bestünde, zu wenig Ruhm abzukriegen, wäre die Aktion geglückt.

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