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Hasen-Studie : Langohr macht nicht schlapp

  • -Aktualisiert am

Ein Feldhase auf dem Sprung Bild: dpa/dpaweb

Ein Projekt in Brandenburg untersucht, was dem Feldhasen das Leben schwermacht. Kleinere Äcker und weniger Kunstdünger kommen den Tieren zugute.

          Dem anschleichenden Fuchs muß das Verhalten des Feldhasen arrogant vorkommen: Statt den Anweisungen der Zoologie-Lehrbücher zu folgen und hakenschlagend davonzusprinten, richtet er sich hoch auf und fixiert den durchs Feld pirschenden Räuber. Seine Pose macht dem Fuchs unmißverständlich klar: "Schau her, ich habe dich längst gesehen. Aber Angst habe ich keine, weil ich schneller bin als du." Der Fuchs versteht die Botschaft sofort und schnürt in die andere Richtung davon. Allenfalls in zehn Prozent aller Fälle, das zeigt eine Studie auf englischen Feldern, ergreift der Hase das Hasenpanier. In den restlichen neunzig Prozent dagegen trollt sich der Fuchs unverrichteter Dinge und stellt statt dessen Mäusen nach. Er kann demnach nicht die Schuld tragen, wenn der Hase seit einigen Jahren auf der Roten Liste der bedrohten Arten zu finden ist und die Kinder um ihre Ostereier bangen, weil es immer wieder heißt, Hasen seien auf deutschen Fluren recht selten geworden.

          Auch Christian Voigt und Ulrike Peschel vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) in Berlin fanden auf den Feldern des Ökodorfes Brodowin im Nordosten Brandenburgs nur Indizien, die den tatverdächtigen Fuchs entlasteten. Eine Woche lang streiften die Forscher im vergangenen Herbst gemeinsam mit vielen professionellen Hasenfängern aus der Slowakei und der Naturschutz-Forscherin Sarah Fuchs aus dem Ökodorf über die taufeuchten Wiesen und Äcker. Hunderte von Metern elastischer Netze haben sie vorher aufgespannt, bevor lange Menschenketten, laut "Hoooh, hooh, hoooooh" brüllend, durch die Hügel der Mark Brandenburg stapfen. Wegen dieses martialischen Gebrülls soll ein auf dem Acker in seiner Sasse ruhender Hase panisch die Flucht ergreifen. Bei Höchstgeschwindigkeit soll der Hase die Netze schlicht übersehen, bis es zu spät ist und er zappelnd in den Maschen hängt. So weit die Theorie. Die Praxis beweist trotz des Großaufgebotes von Menschen und Material bald die Lebenserfahrung des Fuchses: Hasen lassen sich verdammt schwer fangen. Obwohl es recht viele Exemplare in der Brodowiner Endmoränenlandschaft gibt, dauert es Stunden, bis plötzlich ein brauner Fleck zu einem schemenhaften Blitz verwischt. Wenn jetzt die Flankenleute aufpassen und brüllend dem fliehenden Hasen den Weg abschneiden, verheddert sich das Tier tatsächlich im Netz.

          Den Tag im Wald verdöst

          Nun schlägt die Minute der Profis aus der Slowakei: Vorsichtig befreien sie den Hasen aus den Maschen, der seine Panik in ähnlichen Tönen in die Welt hinausschreit wie ein Kind, das sich die Finger in der Tür eingequetscht hat. Zur Beruhigung wird der Fang erst einmal eine Stunde in eine dunkle Kiste gesperrt, bevor die Männer ihm einen kleinen Radiosender um den Hals schnallen. Nach einer kurzen Untersuchung wird der Hase dann wieder freigelassen. Kaum lösen sich die Hände vom Hasenfell, schießt der Hase wie ein geölter Blitz davon. In wenigen Sekunden ist er verschwunden. Die Signale aus dem Radiosender aber können die Forscher jederzeit mit einer Antenne anpeilen, ein Empfänger verwandelt die elektromagnetischen Wellen in Pieptöne. Ab sofort läßt sich der Flüchtige also im Alltag beobachten, ohne daß man gleich eine Hasenjäger-Brigade aufbieten muß. Und da Wissenschaftler solchen Daten nur glauben, wenn andere Hasen sie bestätigen, laufen inzwischen sieben Hasen mit eigenem Radio über die Felder in Brodowin.

          Diese Tiere sollen Sarah Fuchs helfen, jenen Ursachen auf die Schliche zu kommen, die den Hasen das Leben schwermachen. Sie ist Biologin und untersucht im Auftrag des Bundesamtes für Naturschutz nicht irgendwelche Äcker, sondern inspiziert die Felder eines großen Ökobetriebes. Über die Bio-Äcker hoppeln tatsächlich erheblich mehr Hasen als über konventionelle Flure. Das Projekt aber will mehr herausfinden: "Am Ende möchten wir wissen, wie wir dem Hasen das Leben erleichtern können." Der Hase ist ein Tier der Steppe. Deshalb findet man ihn selten im Wald, so steht es in den Lehrbüchern. Die Daten der Peilsender der Brodowinschen Hasen haben diese Theorie bereits im ersten Winter widerlegt: Statt sich tagsüber in eine flache Grube auf dem Feld zu ducken, hielten schon im Oktober die Hälfte aller Hasen ihre täglichen Nickerchen im Schilf oder im Gehölz. Im Januar war es dem Hasen auf offenem Feld offenbar zu zugig, im Hochwinter kamen am Tag neunzig Prozent der Peilsignale nicht von Äckern und Wiesen. Zwei Hasen entpuppten sich sogar als richtige Waldhasen, die bis zu 400 Meter weit in den Wald hoppelten, um dort den Tag zu verdösen.

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