https://www.faz.net/-gum-11y8s

Harvey Milk : Fünf Kugeln gegen die Freiheit

  • -Aktualisiert am

Harvey Milk auf seiner Wahlkampftour in San Francisco, 1976 Bild:

Mit Charisma und Hartnäckigkeit hatte es Harvey Milk in den Stadtrat von San Francisco geschafft. Vor 30 Jahren wurde der Politiker, der sich offen zu seiner Homosexualität bekannte, erschossen. Sean Penn verkörpert ihn in einem Film, der für acht Oscars nominiert ist.

          5 Min.

          Die Büste hätte Harvey Milk gefallen: auf dem bronzenen Gesicht ein breites Lächeln, in den Augen gutmütige Entschlossenheit. Noch mehr geschätzt hätte der kalifornische Politiker aber den Ort, an dem seine Büste heute steht - in der Rotunde des Rathauses von San Francisco, ganz oben neben der imposanten Marmortreppe. „Jeder Homosexuelle sollte im Rathaus immer die Treppe nehmen, um der Welt zu zeigen, dass er da ist“, hatte Milk gesagt, einer der ersten offen schwulen Politiker, die in den Vereinigten Staaten in ein öffentliches Amt gewählt wurden. In seinen elf Monaten als Stadtrat von San Francisco hatte er stets auf den Aufzug verzichtet.

          Seinen langen Kampf dafür, die Marmortreppe der „City Hall“ hinauflaufen zu dürfen, zeigt Regisseur Gus Van Sant jetzt in dem Film „Milk“ mit Sean Penn, der für acht Oscars nominiert ist. Seit sein biographisches Epos Ende Oktober in Kalifornien Premiere hatte, führt Harvey Milk zu neuen Debatten um die Gleichbehandlung Homosexueller im „Golden State“.

          San Francisco - das „Sodom am Meer“

          Drei Jahrzehnte nach dem Tod Milks, der im November 1978 in seinem Büro mit fünf Kugeln erschossen wurde, könnte der Film kaum aktueller sein. Anfang November verwarfen die Kalifornier mit der „Proposition 8“ die gerade erst erlaubte gleichgeschlechtliche Ehe wieder. Gleich nach der Wahl gingen Klagen gegen die „Proposition 8“ ein, die nun das Oberste Gericht des Bundesstaates beschäftigen.

          Harvey Milk schaffte es 1977 als erster offen schwuler Politiker in den Stadtrat von San Francisco

          Harvey Milk hätte es so weit vermutlich gar nicht erst kommen lassen. „Er hatte ein einmaliges Talent dafür, auf die wichtigen Leute Einfluss zu nehmen“, erinnert sich Daniel Nicoletta, der 1974 als Neunzehnjähriger das erste Mal einen Fuß in Milks Fotogeschäft in San Francisco setzte. „Castro Camera“, benannt nach dem heruntergekommenen Viertel, galt als Treffpunkt für Homosexuelle, die aus ganz Amerika in das vergleichsweise offene San Francisco kamen - wie Nicoletta, der von der Ostküste nach Kalifornien gezogen war, um hier als Filmemacher und Fotograf Fuß zu fassen.

          Anfang der Siebziger hatte das „Sodom am Meer“ mehr schwule Bewohner als jede andere amerikanische Stadt. Nicoletta sagt: „Es herrschte eine Art Aufbruchsstimmung.“

          Der „Bürgermeister von Castro“

          Schnell erkannten auch die Stadtväter das Potential der homosexuellen Wähler, vermieden es aber, um ihre Stimmen zu werben. Gleichgeschlechtlicher Sex wurde immer noch als „unanständiger Akt“ bestraft, und das San Francisco Police Department galt gegenüber Homosexuellen als besonders rigider Ordnungshüter.

          Harvey Milk, der jahrelang ziellos durch Amerika und von Job zu Job gereist war, schien die Zeit reif für Veränderung. Mit den letzten 1000 Dollar, die er und sein Partner Scott Smith übrig hatten, richtete der Zweiundvierzigjährige „Castro Camera“ ein, entwickelte die Filme der überwiegend schwulen Kunden und avancierte wegen seiner humorvollen Art bald zur bekanntesten Persönlichkeit des Viertels. Als inoffizieller „Bürgermeister von Castro“ nahm er sich der Probleme der wachsenden homosexuellen Gemeinde an.

          Wirklich etwas bewegen konnte er aber nur im Rathaus mit der Marmortreppe. 1973 verwandelte er „Castro Camera“ zur Wahlkampfzentrale, ließ Ansteckbuttons mit seinem bezopften Konterfei basteln und hielt feurige Reden. Für einen Einzug in die City Hall reichte es bei den Stadtratswahlen im November aber nicht.

          Seinen nächsten Versuch, die Marmortreppe zu erklimmen, machte Milk zwei Jahre später. Er trennte sich vom Pferdeschwanz, tauschte den Hippielook gegen dunkle Anzüge und versprach, sich in Zukunft von den berühmten Badehäusern San Franciscos fernzuhalten.

          Sein Wahlkampf, unterstützt von Nicoletta und Dutzenden weiterer Anhänger, zeigte Erfolg. Selbst Gewerkschaften und Feuerwehren unterstützten ihn und honorierten seine Versuche, kleine Unternehmen in den Stadtvierteln zu stärken. Doch wieder reichte es nicht für ein Amt als Stadtrat.

          Der Erfolg kam mit dem Feind

          Ausgerechnet Anita Bryant, eine in die Jahre gekommene Miss Oklahoma und Baptistin, verhalf Harvey Milk 1977 schließlich zum Einzug in das Rathaus. Als Sängerin hatte sie während des Vietnam-Kriegs mit Bob Hope die amerikanischen Truppen unterhalten. Nach dem Ende des angeblichen „Kriegs zwischen Atheismus und Gott“ widmete sie sich ihren neuen Feinden, den Homosexuellen. Sie gründete in ihrem Heimatstaat Florida „Save Our Children“, eine Organisation, die eine gerade erlassene Verordnung gegen die Diskriminierung von Schwulen wieder rückgängig machen lassen wollte.

          Weitere Themen

          Lebenszeichen von verschwundener Mutter

          Telefonat mit Nichte : Lebenszeichen von verschwundener Mutter

          Die Frau, die sich wegen einer drohenden Haftstrafe mit ihrem achtjährigen Sohn abgesetzt haben soll, hat mit unterdrückter Nummer ihre Nichte angerufen. Wo sie ist, bleibt unklar. Zunächst war nach der Mutter im Watt gesucht worden.

          Vater postet Sportvideos auf Facebook Video-Seite öffnen

          Isolierte Familie in Ruinerwold : Vater postet Sportvideos auf Facebook

          Gerrit Jan van D. soll seine sechs Kinder jahrelang gefangen gehalten haben. Er selbst war auf Facebook aktiv, veröffentlichte dort auch Videos, in denen er sich sportlich zeigt – etwa auf seiner selbstgebauten Rudermaschine.

          Topmeldungen

          Annegret Kramp-Karrenbauer : Sie setzt alles auf eine Karte

          Sollte die Verteidigungsministerin einmal Kanzlerin sein, wird sie für den Mut gepriesen werden, den sie mit ihrem Syrien-Vorstoß beweist. Sollte sie es nicht werden, wird der Vorschlag ein Beispiel dafür sein, dass sie sich übernommen hat. Eine Analyse.
          Die erste Eiskunstläuferin der Vereinigten Arabischen Emirate: Zahra Lari

          Frauen aus den Emiraten : Ihr braucht uns nicht zu retten!

          Auch wenn der Westen es kaum bemerkt: Am Golf verbessert sich die Stellung der Frau in kleinen Schritten: Fünf Beispiele aus den Vereinigten Arabischen Emiraten – über Träume, Vorbilder, Pflichten und Ängste.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.