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Handschrift : Jetzt mach aber mal einen Punkt!

Niedergang einer Kulturtechnik: Wer schreibt heute noch mit der Hand? Bild: DIETER RÜCHEL

Wer schreibt heute noch mit der Hand? Zum Stift greift man meist nur noch für den Einkaufszettel, sonst hält die Computertastatur, der Blackberry oder das Handy her. Auch in der Schule hat die Handschrift an Bedeutung verloren.

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          Max malt lieber einen Monsterwurm, als die Geschichte vom kleinen Herrn Jakob aufzuschreiben. Moritz dagegen hat die neun vorgedruckten Zeilen auf dem Arbeitsblatt schon gefüllt. Der hellblonde Junge im Matrosenhemd stopft den Bleistift zurück in sein Scout-Mäppchen. Der letzte Satz von Moritz' Geschichte lautet: „Jezt fülter sich blöd.“

          Florentine Fritzen

          Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Fehler sind erst einmal egal, denn die Kinder lernen nach der Theorie des phonologischen Bewusstseins: Sie sollen schreiben, wie sie hören. Weil das Gehör durch die Übung immer besser werde, sagt Christian Uhling-Neumann, der Deutschlehrer von Max und Moritz, werde auch das Geschriebene immer richtiger.

          Niedergang einer Kulturtechnik

          Schreiben lernen Kinder heute anders als früher. Dafür ist die Klasse 2 a der Comeniusschule im Frankfurter Stadtteil Bornheim nur ein Beispiel. Ein Grund dafür ist, dass Schrift anders verwendet, vielleicht auch anders geschätzt wird als noch vor ein paar Jahrzehnten. Ob dieser Wandel gut oder schlecht sei, darüber gehen die Ansichten auseinander.

          Mit Füller darf erst ab der dritten Klasse geschrieben werden, meist in vereinfachter Ausgangsschrift

          Wo die einen den Niedergang einer Kulturtechnik diagnostizieren, sehen andere eine notwendige Anpassung an heutige Lebensgewohnheiten. Computerprogramme tilgen fast jeden Rechtschreibfehler, und durch die Rechtschreibreform ist die Grenze zwischen richtig und falsch verwischt. Geht es in einer solchen Welt nicht vor allem um Spaß am Text - und nicht so sehr um fehlerfreies Schreiben?

          Notizen per Mail oder Blackberry

          In besonderem Maß trifft der Wandel die Handschrift. Die Erwachsenen und auch viele Kinder schreiben immer seltener mit dem Stift und immer häufiger auf der Tastatur. In der Geschäftswelt haben gedruckte Schreiben und elektronische Post handschriftliche Briefe ersetzt.

          Wer sich unterwegs eine Notiz macht, gibt sie in den Blackberry ein. Hat der Chef keine Lust oder Zeit, selbst zu unterzeichnen, presst die Sekretärin einen Stempel mit seiner Signatur aufs Papier. Nimmt die Kollegin einen Telefonanruf des Kollegen an, der in der Kantine sitzt, schickt sie ihm eher eine E-Mail, als dass sie den Satz „Deine Frau hat angerufen“ auf einen Zettel kritzelt.

          E-Cards, MMS- und SMS-Nachrichten

          Auch im Privaten verdrängt die Elektronik den Kugelschreiber. Wer heute zwischen zwanzig und siebzig ist, kennt unter Umständen die Handschriften seiner neueren Bekannten gar nicht. Wer sich eine Telefonnummer notiert, tippt sie direkt in sein Handy. Zum Geburtstag gibt es eine E-Card aus dem Internet mit Monet-Motiv oder Asterix-Animation. Wer bei Freunden übernachtet hat, hinterlässt keinen Dankzettel, sondern schickt auf dem Heimweg eine SMS aus dem ICE.

          Nach Vorlesungen an der Uni stellen studentische Hilfskräfte Skripte ins Internet - warum da noch mühsam selbst mitschreiben? Wer mit EC-Karte einkauft, identifiziert sich meist mit seiner PIN und nur noch selten mit seiner Unterschrift. Eine MMS kann die Urlaubskarte ersetzen: Wir im Sonnenuntergang auf Borkum. Ich und die Akropolis. Ein Nashorn in Namibia. Hier zeigen sich zwar noch die Grenzen des Digitalen, denn nicht immer schafft es die Fotodatenmenge über die Netzanbietergrenze. Aber das ist natürlich nur eine Frage der Zeit.

          Vereinfachte Ausgangsschrift

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