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Handschrift : Jetzt mach aber mal einen Punkt!

Der Graphologe vermisst Anschauungsmaterial

Der Professor ist nämlich ein entspannter Kulturpessimist, mehr ein Diagnostiker als ein Kritiker. Seine Lieblingsepoche ist der Humanismus, jene Zeit, in der „es noch Persönlichkeiten gab - im tiefen Sinne des Wortes gereifte und mit Charakterstärke und eigenen Zügen ausgeprägte Menschen“. Heute wollten die Menschen nicht mehr Persönlichkeiten sein, sondern bloß noch Individuen „in dem Sinne, dass sie nach eigenem Gusto leben wollen“.

An dieser Stelle schlägt der Professor einen Bogen zum Verschwinden der Handschrift. In einer Zeit, in der nicht mehr Persönlichkeiten gefragt seien, sei es nur folgerichtig, dass die getippte Schrift alles Eigene nivelliere. Böhme findet das auch deshalb schmerzlich, weil er staatlich geprüfter Graphologe ist, diese Kunst aber nur noch privat ausüben kann, etwa wenn ihm seine Frau eine Postkarte reicht mit der Frage, wie er den Charakter des Schreibers einschätze.

Wenig Raum für ein dezidiert eigenes Schriftbild

Denn mit der Handschrift ist auch die Graphologie seit den sechziger Jahren immer unwichtiger geworden. Dass Arbeitgeber von Bewerbern eine Schriftprobe verlangen, ist nicht mehr üblich. Die Graphologie, sagt Böhme, basiere auf Intuition und lasse sich empirisch nur schwer fassen. „Das macht sie zur fragilen Wissenschaft in einer Zeit, in der die Naturwissenschaften immer mehr an Deutungskompetenz gewinnen.“

Die Kinder in der 2 a schreiben alle ähnlich - die Vereinfachte Ausgangsschrift lässt wenig Raum für ein dezidiert eigenes Schriftbild. Herr Uhling-Neumann ruft zum Stuhlkreis. Wer lieber noch schreibt oder die Comic-Bilder vom kleinen Herrn Jakob auf dem Arbeitsblatt ausmalt wie Moritz, darf aber auch an seinem Pult sitzen bleiben. Paul, Büsra, Anabel, Raquel, Leonida und Emma lesen ihre Geschichten vor. Max steht mit seiner Meinung, dass Schreiben „behämmert“ sei, ziemlich allein da. Marco, ein Junge mit blond gefärbten Strähnchen, sagt: „Mir hat's heute supersupersupergut gefallen.“

Das Testament muss eigenhändig geschrieben sein

Wird er mit dreißig einen Kalligraphiekurs besuchen müssen, um wieder so viel Spaß zu haben wie einst bei Herrn Uhling-Neumann? Es gibt schon heute nur noch wenige Textformen, bei denen sich das Tippen verbietet, weil es unpraktisch ist, unpassend oder sogar untersagt. Einen Einkaufszettel dürfte kaum jemand ausdrucken.

Wer für sein Testament nicht zum Notar geht, muss es „eigenhändig schreiben und unterschreiben“. So steht es im Bürgerlichen Gesetzbuch. Das klinge vielleicht ein bisschen antiquiert, teilt die Bundesnotarkammer mit, aber es gebe da keinen Reformbedarf. Auch auf eine Todesanzeige dürften nur wenige Menschen mit einer E-Card antworten. Der Liebesbrief dagegen ist schon wieder ein Grenzfall.

Selbst in die Schulen hat sich die Elektronik eingeschlichen. Am Ende der Stunde sollen sich alle Schüler, die ihre Geschichte nicht mehr weiterschreiben wollen, leise eine andere Arbeit aussuchen. Enver, ein Junge im Pokémon-Sweatshirt, schreit begeistert auf: „Auch am Computer?“ Hinten im Klassenzimmer stehen drei Monitore mit Schreiblernprogrammen. Aber Herr Uhling-Neumann schüttelt den Kopf. Vielleicht morgen.

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