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Handschrift : Jetzt mach aber mal einen Punkt!

Warum also Schüler mit einer Schreibschrift plagen, deren Bögen und Schnörkel sie verwirren und überfordern könnten? Die lateinische Ausgangsschrift, die vor dreißig Jahren noch fast alle Kinder lernten, ist an Grundschulen beinahe verschwunden. 95 Prozent der Schüler, schätzt Grundschullehrer Uhling-Neumann, lernten inzwischen die Schulausgangsschrift oder die Vereinfachte Ausgangsschrift, meist VA genannt.

Beide Formen lehnen sich stark an die Druckschrift an - an jene Schrift, die auch über alle Monitore und Displays flimmert. „Ästhetisch gesehen, ist es vielleicht schade, dass es die alte Schreibschrift nicht mehr gibt“, sagt der Lehrer. „Aber das Schreiben mit der Hand fällt vielen Kindern motorisch ohnehin schon sehr, sehr schwer.“

Kind mit ADS darf auf dem Hof rennen

Moritz sieht das anders. Er würde sogar lieber mit seinem Füller schreiben als mit dem Bleistift. Aber erstens ist die Patrone gerade leer, und zweitens dürfen sie das erst in der dritten Klasse. Max benutzt sowieso lieber Buntstifte. Er hat jetzt schon so viele Messer auf sein Arbeitsblatt gemalt, dass er auf die Rückseite ausweichen muss. Dort prangen bald Abdrücke von Monsterkrallen und ziemlich viel Blut.

Die anderthalb Zeilen, die Max zwischendrin doch geschrieben hat, sehen auch nicht schlechter aus als das Schriftbild auf den Bögen der anderen Kinder. Aber Max muss nicht weiterschreiben, wenn er nicht will. Er hat nämlich ADS, das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom. Deshalb muss er immer mal auf den Hof und rennen. Max ist auch der Einzige, der im Klassenzimmer keine Hausschuhe trägt, sondern seine Turnschuhe. Der Einzige außer Herrn Uhling-Neumann natürlich. Der hat Trekking-Schuhe von Adidas an den Füßen.

Die Benotung ist fast überall abgeschafft

Um Schönschrift geht es nicht an der Comeniusschule. Dass es in hessischen Grundschulen Noten für Schrift gab, ist schon so lange her, dass die Mitarbeiter des Kultusministeriums in Wiesbaden in ihren Aufzeichnungen nicht mehr ausfindig machen können, wann genau diese Noten durch Erlass abgeschafft wurden. Ähnlich in Nordrhein-Westfalen: Das Düsseldorfer Ministerium vermutet lediglich, dass die Note „Schrift“ Anfang bis Mitte der achtziger Jahre aus den Zeugnissen verschwand.

Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern legten Anfang der neunziger Jahre die DDR-Note „Schreiben“ im Archiv ab, weil die damaligen Lehrplanreformer sie „für nicht mehr sinnvoll und zeitgemäß erachteten“ - so formuliert es das Kultusministerium in Dresden. In Niedersachsen gibt es die Zensur „Schrift“ seit 2006 nicht mehr, in Bayern seit 2004.

„Nicht ohne Ironie“ zum Federhalter greifen

Kinder in Schleswig-Holstein, Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und dem Saarland hingegen bekommen nach wie vor Schriftnoten. Allerdings legen die Lehrer auch dort vor allem Wert auf ein klares, leserliches Schriftbild. In den siebziger Jahren war dagegen oft noch wahre Schönschrift gefragt, und es gab sogar an weiterführenden Schulen Schriftnoten - im Osten wie im Westen.

„Ist doch ein Niedergang“, sagt Günther Böhme. Der Mann mit dem vollen, leicht genialisch zurückgekämmten grauen Schopf ist 84 Jahre alt und Professor für Bildungsphilosophie und Bildungsgeschichte. Böhmes Büro liegt im dritten Stock des Turms. So heißt ein mehr als dreißig Stockwerke hoher Plattenbau an der Frankfurter Goethe-Universität. Dort macht sich der Wissenschaftler ab und zu „das Vergnügen, ein bisschen Schriftkultur zu pflegen“. Wenn Böhme mit Kollegen über die „Universität des dritten Lebensalters“ korrespondiert, deren Vorsitzender er ist, greift er zum Füllfederhalter - wenn auch „nicht ohne Ironie“.

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