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Hamburg-Wahl : Ole von Beusts Lieblingskneipe

  • -Aktualisiert am

Nach ein paar Bier über Tische und Stühle - Ole von Beust Bild: AP

Ole von Beust hat eine Lieblingskneipe mitten in St. Pauli, den "Silbersack". Man brauche dort zwar zwei bis drei Bier, um in Stimmung zu kommen, aber irgendwann gehe es dann über Tische und Stühle, sagte er.

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          Zweimal schlägt das Herz St. Paulis in dieser Nacht laut und vernehmlich, wenn auch nur aus der Musikbox. Keine Musik der Welt paßt besser in den "Silbersack" als der Schlager von Hans Albers. Nach genau fünf Minuten jault Albers seine Hymne an den Stadtteil zum ersten Mal; eigentlich reichte dieser eine Song als Dauerbeschallung. Aber wie es sich für eine traditionelle Hafenkneipe gehört, gibt es noch andere Schlager aus dem Automaten; die weißen Rosen blühen und Roy Black schmalzt, sogar eine Erinnerung für Ost-Importe gibt es: die jaulende Gitarre des City-Songs "Am Fenster".

          Als dieser Teil des Repertoires die ganz in blankgesessenem Holz gehaltene Kneipe an der Silbersackstraße beschallt, hat Wirt Erwin längst vier eiskalte Astra aus der Flasche gebracht; zwischen Bestellung und Belohnung waren es nur Sekunden, und Erwin sagt: "So Jungs, das ging schnell - verdurstet seid ihr noch nicht!" Hans Albers, Freddy Quinn, Gert Fröbe, sie alle haben hier getrunken und sich wohl gefühlt. Seit einiger Zeit ist bekannt, daß der "Silbersack" noch einen prominenten Freund hat, Hamburgs Ersten Bürgermeister Ole von Beust. Der "Silbersack" sei seine Lieblingskneipe, hatte von Beust der "Bunten" verraten und war auch ins Detail gegangen: Man brauche dort zwar zwei bis drei Bier, um in Stimmung zu kommen, aber irgendwann gehe es dann über Tische und Stühle. Es gibt übrigens wesentlich schäbigere Kneipen in St. Pauli. Der "Silbersack" ist sauber und gepflegt.

          Gedämpfte Stimmung im Hamburger Kult

          Ein Dienstagabend ist nicht der beste Abend für einen Besuch. Die Stimmung ist gedämpft, zwölf Gäste, zehn Männer, zwei Frauen, fast jedes Alter ist dabei, die Frau am Tresen trägt das unvermeidbare "Retter-T-Shirt" des FC St. Pauli, ein bißchen Bayern München, ein bißchen Hamburger Politik sind die Themen. Erwin hat sein geplättetes lilafarbenes Hemd angezogen, das gut mit den frischen, gelben Tulpen auf den Holztischen harmoniert, sich mit den schweren, grünrotweißen Baumwollvorhängen an den Fenstern aber etwas beißt. Noch am Samstag drängelte sich szeniges Partyvolk vor dem "Silbersack" und flehte den Türsteher um Einlaß an, wie jeden Samstag. Der "Silbersack" ist Hamburger Kult, mag das Wort noch so abgedroschen sein. Nach dem dritten Bier kam man drinnen mit Fremden ins Gespräch. Aus der Musikbox klangen wie immer dieselben Lieder, und machte man die Augen zu, sah man tätowierte Ziehharmonikaspieler, Matrosen, Fischkutter- und Walfängerbesatzungen am blanken Tresen sitzen und Lütt und Lütt trinken, ein ganz kleines Bier und einen Kümmel. Das Gedeck kostete 1949 nur 45 Pfennig, als Erna Thomsen die Kneipe eröffnete. Damals spielte auch noch eine Drei-Mann-Kapelle im "Silbersack". So lange gibt es den "Silbersack" schon, so lange wirbt er mit dem Schild, das draußen am Eingang hängt und solide Preise verspricht. Heute kostet das Astra 1,80 Euro. Das ist fürwahr solide.

          Die fast 80 Jahre alte Erna Thomsen steht noch immer von Freitag bis Sonntag am Tresen und "läßt die Luft aus den Flaschen". Aber sie trinkt nur noch Apfelsaft und Tee. Keinen Likör mehr. Natürlich gibt es hier Fanartikel des in der Drittklassigkeit abgetauchten FC St. Pauli. Auch ein Wimpel des 1. FC Nürnberg hat sich hinter den Tresen verirrt; gleich neben ihm hängt der vorsichtige Versuch von Merchandising: "Silbersack"-T-Shirts in drei Farben, hellblau, schwarz, oliv. Komme denn der Bürgermeister tatsächlich her, wird der Wirt gefragt. Er guckt ein bißchen skeptisch. "Ja, der war schon oft hier." Kurz kommt diese Antwort, es haben wohl schon zu viele Journalisten und andere Neugierige gefragt. Diskretion gehört zu einer echten Stammkneipe wie gutes Bier, wie die Musikbox mit den immergleichen Liedern, wie die Stammgäste, die Zufallsgäste mit ihren Macken irritieren: Ein Mann gesetzten Alters stapft um kurz nach Mitternacht in die Kneipe, bleibt bald in der Tür hängen, stürzt an die Bar. Der Wirt sagt: "Wilfried, wo kommst du denn her, zu Fuß aus Stade?" Wilfried kippt am Tresen ein Gezapftes, stiert die niedrige Decke an und stürmt wieder raus, als das Glas leer ist. Niemand denkt auch nur daran, diese Aktion zu kommentieren. Sie mag sich täglich wiederholen.

          "Um Differenzen zu vermeiden, sind die Kellner angewiesen, sofort zu kassieren." Heute abend ist ein ruhiger Abend, da ist es etwas anders. Erwin kassiert am Ende alles zusammen. Gegenüber vom "Silbersack" wartet die nächste Kneipe, sie heißt "Rettungsring".

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