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Halleneinsturz bei Kattowitz : Schreckliche Stille

Bild: Reuters

Zwei Tage nach dem Einsturz der Messehalle in Kattowitz ist die Zahl der Todesopfer auf 67 gestiegen. Mittlerweile hoffen die Einsatzkräfte, alle Toten aus den Trümmern der Halle geborgen zu haben. Noch im Laufe des Tages sollen die Räumarbeiten beginnen.

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          Irgendwann in der Nacht hörten die Rettungswagen auf zu fahren. Mit jeder Stunde war es kälter geworden auf dem Messegelände von Kattowitz, und als es zehn war und die Quecksilbersäule schon auf minus fünfzehn Grad gesunken war, hatte man zum letzten Mal einen Menschen lebend gerettet. Zum letzten Mal ertönten die Sirenen eines Rettungsfahrzeugs. Wenn die Feuerwehrleute, Sanitäter und herbeigeeilte Bergretter aus den Schächten der alten Kohlenstadt Kattowitz danach noch Menschen fanden, dann lebten sie nicht mehr. Wer nicht sofort ums Leben gekommen war, als am frühen Abend die größte Halle des Messegeländes mit ihrer tonnenschweren Schneelast auf dem Dach in sich zusammenbrach, der starb in der Kälte.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Nicht, daß die Männer und Frauen der Einsatzkräfte nicht sofort fieberhaft zu arbeiten begonnen hätten. Die ganze Nacht hindurch wühlten sie sich durch das Gewirr der eingestürzten Stahlträger und freiliegenen Stromleitungen, durch Schneewehen und zerborstene Wandstücke. Die Strahlen ihrer Taschenlampen tasteten jeden Quadratmeter ab, Schneidbrenner und Trennschleifer bahnten sich ihren Weg durch das Trümmergewirr, und Spürhunde suchten nach Lebenden und Toten.

          Gewirr von Trägern, Schienen, geborstenen Wänden

          Früh aber wurde klar, daß kaum noch Hoffnung bestand. Schweres Einsatzgerät, Bagger und Kräne konnten nicht eingesetzt werden, um nicht zusätzliche Gefahren zu schaffen. Warmluft, die man unter die Trümmer blasen wollte, um Eingeklemmte vor dem Kältetod zu bewahren, erwies sich als zu gefährlich. Schmelzendes Eis und tauender Schnee hätten zu weiteren Einstürzen führen können.

          Als der Morgen graute, enthüllte das Tageslicht, daß die Eindrücke der Nacht noch nicht das ganze Ausmaß des Entsetzens vermittelt hatten. Jetzt erst zeigte sich die ganze Schwere dieses Unglücks. Was einmal eine Messehalle gewesen war, ragte als nacktes Geviert blanker, dem Himmel zu offener Wände in die Höhe. Die Mitte des gähnenden Freiraums aber, dort, wo am Samstag nachmittag noch etwa 700 Personen, Besucher einer Brieftaubenschau für Züchter aus dem In- und Ausland, durch die Standreihen gebummelt waren, bedeckte ein unübersehbares Gewirr von Trägern, Schienen, geborstenen Wänden und Eisschollen den Boden.

          Chancen „nahe null“

          Das Bild schien alle Befürchtungen zu bestätigen: Die ursprünglich gemeldete Opferzahl - in der Nacht hatte man noch von 32 Toten gesprochen - würde nicht das letzte Wort bleiben. Die Erschlagenen und Erfrorenen, die man bis dahin gefunden habe, seien möglicherweise nur der Anfang. Der vielleicht größere Teil der Opfer liege noch unter den Trümmern. Der Einsatzleiter der oberschlesischen Feuerwehr, Janusz Skulich, mußte erschüttert zugeben, daß ihre Chancen zu überleben „nahe null“ lägen. Am Abend hieß es bei der Feuerwehr, es seien alle Opfer geborgen. In den kommenden Tagen wird das herabgestürzte Dach mit schwerem Gerät gehoben werden.

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