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Halle (Saale) : Kein Salz im Namen

  • -Aktualisiert am

Immer noch geschichtsträchtig: Der Marktplatz von Halle um 1900 Bild: Picture-Alliance

Ein Wissenschaftler hat Halle an der Saale ein Stück Geschichte genommen: Er fand heraus, dass der Name der Stadt nichts mit dem Abbau von Salz zu tun hat. Die Hallenser äußern „Restzweifel“.

          Nicht selten stoßen Forscher auf Dinge, die sie bei Beginn ihrer Arbeit gar nicht im Sinn hatten. Einen solchen Kollateral-Fund machte neulich der Namensforscher Jürgen Udolph – und versetzt damit Halle an der Saale in Aufruhr. In der größten Stadt Sachsen-Anhalts nahm man bislang an, dass der Ortsname von Hall kommt, einem indogermanischen Begriff für Salz. „Ganz falsch“, sagt nun Udolph, der zurzeit für ein Projekt der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen sämtliche Ortsnamen Niedersachsens und Westfalens erforscht.

          „Es ist zwar unstrittig, dass die Geschichte der Stadt Halle mit dem Salz und seiner Verarbeitung verbunden ist“, sagt Udolph. Nur hätten die Salinen damals nicht im heutigen Zentrum, sondern außerhalb am Giebichenstein gelegen. Dieser werde inklusive seiner Salzquelle exakt am 29. Juli 961 erstmals in einer Schenkungsurkunde von Otto I., auch der Große genannt, erwähnt: „Gibikonstein cum salina sua.“ Erst später habe sich die Salzproduktion dann nach Halle verlagert, das jedoch schon in seiner ersten urkundlichen Erwähnung im Jahr 806 „Halla“ hieß. „Der Name kann daher nichts mit Salz zu tun haben und muss einen anderen Ursprung haben“, schlussfolgert Udolph.

          Die Schräglage ist Schuld am Namen

          An dieser Stelle kam ihm sein aktuelles Forschungsprojekt zu Hilfe. In Nord- und Mitteldeutschland sowie Teilen Belgiens und Nordfrankreichs gibt es fast 30 Orte, die ebenfalls Halle heißen, aber nichts mit Salz zu tun haben, darunter Halle in Westfalen, Halle im Sauerland, im Emsland, bei Bodenwerder, Antwerpen und Brüssel. Ihr Name leitet sich jeweils von ihrer Lage ab und bedeutet soviel wie Abhang, Gefälle, Halde oder Böschung. „Die schräge Lage war hier eindeutig Motiv für die Namensgebung“, sagt Namensforscher Udolph, der deshalb umgehend in Halle an der Saale nachmessen ließ. Und siehe da: „Vom Markt zur Saale hinunter gibt es ein Gefälle von fast zehn Prozent.“

          Udolph ist deshalb davon überzeugt, dass auch der Name von Halle an der Saale wie der seiner 30 Namensvettern in Nordmitteleuropa von der Lage abstammen muss. Die Halloren, die traditionelle Bruderschaft der Hallenser Salzwirker, sieht das selbstredend anders und verweist auf die zahlreichen Salz-Orte im Süden Deutschlands und Österreichs, die Hall im Namen tragen.

          Tatsächlich gehen Städtenamen wie Bad Reichenhall, Schwäbisch Hall, Wintershall und Hall in Tirol auf Salz zurück, sagt Jürgen Udolph. Reichenhall etwa bedeute soviel wie „da, wo es reich an Salz ist“. Nur lasse sich das Wort Hall dort nicht vom Salz selbst, sondern von der Art seiner Verarbeitung herleiten. Hal oder Haal stehe in zahlreichen deutschen Mundarten für eine Stange oder Kette mit Haken, an der ein Kochkessel über dem Feuer hängt. In den Salinen wiederum habe man schwenkbare Schöpfgalgen so genannt, mit denen die flüssige Sole in verschiedene Kessel gegossen wurde.

          Stadt Halle: Salzgewinnung bleibt wichtig

          Für Udolph steht fest, dass dieses die Salzverarbeitungseinrichtung kennzeichnende Wort zum Symbol für das Salz selbst wurde. Noch heute gebe es etwa in Schwäbisch Hall eine Haalstraße – Haal als der Ort, in dem die Saline steht. Im Falle von Halle an der Saale aber wurde der Name wohl erst später im Mittelalter nachträglich auf das Salz zurückgeführt, weil in der Stadt unzweifelhaft auch Salz verarbeitet wurde.

          In der Stadt wird über die neuen Erkenntnisse rege diskutiert, im Rathaus bleibt man aber gelassen. „Die Udolphsche Theorie erschüttert die Stadt nicht“, sagt Sprecher Drago Bock. „Sie ist nicht neu, und die Salzgewinnung bleibt von immenser Bedeutung für uns.“ Halles Marketinggesellschaft kündigte aber an, ihre Publikationen um die „zweite Version“ der Entstehung des Ortsnamens zu ergänzen. Allerdings werde man darauf hinweisen, dass „Restzweifel“ an Udolphs Deutung bestehen. Dieser wiederum sagt, dass er den Hallensern „doch gar nicht ihre Salzgeschichte wegnehmen“ wolle. „Aber als Wissenschaftler muss ich nun mal genau hingucken.“

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