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Halblegale Altenpflege : Um Opa kümmert sich der Pole

Entwicklung im halblegalen Bereich

Im halblegalen Bereich ist in jüngster Zeit unterdessen eine neue Entwicklung zu beobachten: Wegen der vielen rechtlichen Probleme, welche die sogenannten Entsendungen von ausländischen Arbeitnehmern mit sich bringen, werden Pfleger heute oft bloß vermittelt und arbeiten dann auf eigene Rechnung als Selbständige in Rentner-Haushalten. Sie kämpfen mit denselben Problem wie beim Entsendungsmodell: In ihren unscharf formulierten Verträgen steht zwar nicht, dass sie 24 Stunden lang permanent bereit sein müssen – das wäre sittenwidrig. Tatsächlich sind sie es im Alltag aber oft, können das aber nur schwer nachweisen. Sie arbeiten isoliert, sprechen teils kein Deutsch, kennen ihre Rechte nicht. Manchmal geben sie Spritzen oder wechseln Verbände. Dafür sind sie nicht qualifiziert, und sie dürfen es nicht. Geht etwas schief, machen sie sich strafbar.

Die Sprachbarrieren sind bei den osteuropäischen Pflegekräften oft hoch.

Weitere rechtliche Tücken dieses Modells: Arbeiten Pfleger für nur einen Arbeitgeber, der ihnen Anweisungen erteilt, sind sie eigentlich scheinselbständig. Als Angestellte hätten sie aber Anrecht auf mindestens einen freien Tag in der Woche, elf Stunden Ruhezeit zwischen den Schichten, Überstundenausgleich, bezahlten Urlaub und bezahlte Krankheitstage. Der Arbeitsalltag der allermeisten Pflegerinnen ist davon weit entfernt. Soziologin Lutz sagt: „Das System funktioniert nur unter den prekären, ausbeuterischen Bedingungen, die damit verbunden sind.“

Und sie sagt: Es besteht bloß deshalb, weil die Pflege alter und kranker Menschen in Deutschland als Aufgabe der Familie und nicht als Aufgabe des Staates betrachtet wird - und die Familien sich halblegale Hilfe holen. Das wird auch deshalb hingenommen, weil rund 70 Prozent der Pflegebedürftigen zu Hause versorgt werden. Kämen all diese Menschen ins Heim, würde die Pflegeversicherung kollabieren. In anderen Ländern kommt der Staat für die Betreuung der Alten auf, so wie in Deutschland für die der Jungen. In Skandinavien etwa ist das so. Das ist teuer, wäre wohl mit Steuererhöhungen verbunden. Ein unpopuläres Thema.

Lohnenswert für den Staat

Letztlich kann es sich für den Staat aber lohnen, das belegen Studien: In Skandinavien sind mehr Frauen berufstätig – noch mehr als Migrantinnen sind einheimische Frauen mit der Pflege ihrer alten Eltern beschäftigt –, und es sind reguläre Arbeitsplätze in der Pflegebranche entstanden. Helma Lutz aber sagt: Steuererhöhungen allein reichen nicht. Eigentlich müssten alle Erwachsenen im arbeitsfähigen Alter weniger arbeiten und mehr für Angehörige – Kinder, Eltern, Schwiegereltern – da sein. Schweden teste aus diesem Grund gerade in einigen Städten den Sechs-Stunden-Tag.

Solche Lösungen könnten bald auch außerhalb Skandinaviens nötig sein, denn vielleicht werden Osteuropäer nicht für alle Zeiten als preiswerte Pflegekräfte zur Verfügung stehen. In der Schweiz hat sich eine Gewerkschaft gegründet, das „Netzwerk Respekt für BetreuerInnen in Privathaushalten“. In Deutschland tauschen sich Tausende polnische Frauen in geschlossenen Foren bei Facebook aus. Agenturen bemerken, dass die Helfer anspruchsvoller werden, keine medizinischen Dienste verrichten und keine Demenzkranken pflegen wollen. Wenn ihnen Lohn und Behandlung nicht passen, reisen sie auch schon mal ab.

Pawel Baszak will vorerst in Deutschland bleiben – aber nicht als Rund-um-die-Uhr-Pfleger für 600 Euro Lohn. Seine Zukunftspläne beschreibt er mit einer etwas schiefen Metapher: „Ich sehe Licht im Tunnel.“ Er will jetzt sein Deutsch verbessern, sein Diplom anerkennen lassen – und dann Musiklehrer werden.

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