https://www.faz.net/-gum-8iegk

Halblegale Altenpflege : Um Opa kümmert sich der Pole

Der Klarinettist ist keine Ausnahme: Viele Pfleger und Pflegerinnen sind gebildet, haben einen hohen Abschluss, teils sogar studiert. Sie finden aber im eigenen Land keine oder nur sehr schlecht bezahlte Arbeit, sagt die Soziologie-Professorin Helma Lutz von der Goethe-Universität in Frankfurt, die sich wissenschaftlich mit Migration und „Care-Arbeit“ beschäftigt hat.

Baszaks Alltag dreht sich jetzt um das Leben eines anderen

Für die Arbeit im Ausland zahlen die Pflegekräfte oft einen hohen Preis: Sie sehen ihre Kinder nicht, stellen ihr Leben monatelang hinter das eines fremden Menschen zurück. So geht es auch Pawel Baszak. Sein Alltag dreht sich jetzt um das Leben von Gerd Maier und um dessen verstorbene Frau, um seine Kinder und Enkelkinder, von denen viele Bilder in Wohnzimmer und Flur hängen. Und um die Parkinson-Gruppe, in der Maier sich engagiert, um Arzttermine und feste Essenszeiten. Wenn es um seinen Arbeitgeber geht, spricht Baszak in der Wir-Form: Wir machen jetzt Mittagspause. Wir müssen jetzt Tabletten nehmen. Baszak verlässt das Haus nur, wenn Maier – er nennt ihn „Herr Gerd“ und siezt ihn, wird von ihm aber geduzt – im Bett liegt, außerdem manchmal, um zum Supermarkt oder zur Apotheke zu fahren. Er trägt einen Pieper bei sich und eilt Herrn Gerd zur Hilfe, sobald das Gerät Alarm schlägt.

Tatsächlich 24 Stunden umsorgt zu werden, würde ganz legal 5000 bis 8000 Euro im Monat kosten. Das kann sich kaum ein Rentner leisten.

Sein bescheidenes Privatleben beginnt, wenn Maier schlafen gegangen ist. Dann geht Baszak in dem kleinen Städtchen bei Bremen durch den Park spazieren oder spricht bei Skype mit seiner Frau – wenn die Internetverbindung im Souterrain das zulässt. Er kennt in der Kleinstadt keine Menschen seines Alters und er geht nie in die Kneipe oder ins Kino. Wenn man Maier fragt, ob er manchmal darüber nachdenkt, wie das wohl ist für seinen Pfleger, sagt der: Er hat sich zumindest noch nie beschwert. Und es gibt ja immer etwas zu tun, im Haus oder im Garten.

In Polen pflegen oft Kinder die eigenen Eltern

Und Pawel Baszak will sich auch nicht beschweren. Er hat sich schließlich aus freien Stücken entschieden, nach Deutschland zu gehen. Denn der dreiwöchige Altenpflege-Kurs, den er zwischen Musikstudium und Orchesterposten besucht hat, hilft ihm in Polen auch nicht weiter: Dort können sich die Rentner keine privaten Pfleger leisten. Kinder pflegen ihre Eltern. Auch in seiner Familie: Baszaks Mutter und ihre Schwestern kümmern sich um seine fast 90 Jahre alte Großmutter, die im Rollstuhl sitzt. Er wird etwas lauter, als er das erzählt, sagt dann aber gleich: So sei das nun mal. Jeder Staat habe seine eigene „ökonomische Situation“. Polen habe Fortschritte gemacht, brauche aber noch viel Zeit, um sich mit Deutschland messen zu können.

Bis es so weit ist, gedeiht der Markt für osteuropäische Pflegekräfte. Viele arbeiten einfach schwarz, zahlen weder in Deutschland noch in ihrem Heimatland Sozialabgaben. Schwarzarbeit-Kontrollen gibt es in Deutschland aber fast ausschließlich an öffentlichen Orten wie Baustellen, nicht in Privathaushalten.

Weitere Themen

Straßenparty in Rio Video-Seite öffnen

Karneval : Straßenparty in Rio

Tausende kamen am Sonntag in den Straßen von Rio de Janeiro zusammen, um bei den weltbekannten Straßenpartys mit dabei zu sein: Singen, Tanzen, glücklich sein.

Topmeldungen

Neue Produkte von Huawei : Es klappt jetzt ohne Google

Huawei verlegt seine Pressekonferenz ins Internet. Richard Yu spricht in einer leeren Halle. Die Botschaft: Das Klapp-Smartphone Mate Xs kommt nach Europa. Zu einem stolzen Preis.
In Deutschland steht der freiwilligen Instrumentalisierung des Sterbens zum guten Zweck noch einiges entgegen.

Suizidbeihilfe in Amerika : Sterben für den guten Zweck?

In Amerika erhoffen sich Transplanteure einen offeneren Umgang mit der Suizidbeihilfe. Sie wittern auch eine Chance, die Entnahme von Organen zu Lebzeiten zu etablieren. Taugt das als Vorbild für Deutschland?

Wie schlimm kann es werden? : Vorbereitungen auf die Pandemie

In Italien, Iran und Südkorea schließt sich das Fenster: An der weltweiten Ausbreitung des Coronavirus zweifelt kaum noch ein Experte. Und doch ist es zu früh, über Millionen Opfer weltweit zu spekulieren.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.