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Halblegale Altenpflege : Um Opa kümmert sich der Pole

Wenig Geld für viel Leistung

Auch Gerd Maier könnte das nicht, obwohl er viele Jahre Bereichsleiter einer Firma in Bremen war und neben seiner gesetzlichen noch eine Betriebsrente erhält. Selbst die Preise einer Entsendungsagentur waren ihm und seinen Söhnen zu hoch. Sie entwickelten deshalb ein ungewöhnliches Modell: Maier gründete eine Firma, um Baszak anzustellen – eine Ausnahme, sagt Expertin Timm. Die wenigsten Pfleger seien direkt bei den Rentnern angestellt, für die sie arbeiten. Auch eine befreundete Nachbarin hat Maier angestellt, sie bügelt und putzt bei ihm auf Minijob-Basis. Und einen zweiten Polen, der sich im Monatsrhythmus mit Baszak abwechselt.

Fremdes Zuhause: Pawel Baszak im Wohnzimmer seines Arbeitgebers.

Denn nach einigen Wochen bei Maier, in denen Baszak teils in jeder Nacht mehrfach aufstehen und seinem Arbeitgeber zurück ins Bett helfen musste, war dem Pfleger klar: Auf Dauer würde er das alleine nicht schaffen. Jetzt fühlt er sich weniger ausgebrannt, verdient aber auch nur noch die Hälfte: rund 600 Euro monatlich. Die bekommt er zwar auch in den Monaten, in denen er bei seiner Familie in Polen ist. Ziemlich wenig ist es trotzdem für das, was Baszak leisten muss: die Betreuung eines Parkinson-Kranken.

Die Krankheit, erzählt Gerd Maier, beginnt damit, dass die Arme nicht mehr mitschwingen beim Gehen, sondern steif bleiben. Bei ihm war das vor 15 Jahren. Heute nimmt er 21 Tabletten am Tag, kommt alleine nicht mehr an seine Füße, weshalb er ständig Hilfe braucht, etwa beim Sockenanziehen. Er redet langsam und mit steifen Gesichtszügen, die Hände zittern. Sein Haus hat er zusammen mit seiner Frau gebaut. 1970 war das. Schon damals war beiden klar, dass sie es auch in Alter und Krankheit nicht verlassen würden. Schlafzimmer und Bad hat Maier deshalb nach der Diagnose behindertengerecht umbauen lassen. Von sich selbst sagt er, dass er seine Krankheit angenommen habe – und dass er bei den ganzen Tabletten, die er nehme, eigentlich eines Tages im Giftmüll entsorgt werden müsse.

Viele Pfleger und Pflegerinnen haben studiert

An guten Tagen kann er nicht nur Witze über seine Lage machen, sondern sogar mit Baszak durch den Garten spazieren. An schlechten arbeitet Baszak im Garten, und Maier sitzt auf dem Sofa im Wohnzimmer und rührt sich nicht. Denn Parkinson-Kranke bleiben manchmal mitten in einer Bewegung wie festgefroren stehen und können sich nicht mehr bewegen. Das will der alte Mann nicht riskieren. An solchen Tagen ist Maier, der sich auch an den guten nicht mit Worten wie „Danke“ oder „Bitte“ aufhält, gereizt.

Das sind für Pawel Baszak die weniger guten Tage. Er ist ein kräftiger Mann mit heller Stimme, hat ein rundes Gesicht mit weichen Zügen. Deutsch hat er sich selbst beigebracht, aus alten Büchern voll mit Sprichwörtern. Wenn er über sein Leben in Deutschland spricht, sagt er Sätze wie: Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut. Oder: Das Leben ist wie das Meer, manchmal gibt es Wellen, aber Hauptsache, das Boot kommt voran. Er interessiert sich für Psychologie und Politik, in seinem Zimmer im Keller des Hauses stapeln sich alte Ausgaben des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ neben einem Buch von Claus Kleber.

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