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Haie vor Kalifornien : Tödliche Begegnungen

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Eine historische Stunde für den Schutz der Haie. Bild: obs

Manche erinnerte es an den „Weißen Hai“ von Steven Spielberg – ein Kalifornier kämpfte im Wasser minutenlang um sein Leben. Die Probleme mit den Haien häufen sich, denn Angler locken immer mehr von ihnen an die kalifornische Küste.

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          Seine Begegnung mit dem Weißen Hai hat der Kalifornier Steven Robles in den vergangenen Wochen immer wieder geschildert. Wie das mehr als zwei Meter lange Tier vor dem Pier des Küstenortes Manhattan Beach plötzlich neben dem Ausdauerschwimmer erschien, erst vorbeizog und Sekunden später die Richtung änderte. „Als ich das Knirschen an meinem Brustkorb hörte, dachte ich, es sei aus. Ich packte den Hai an der Nase und drückte ihn weg“, erinnert sich Robles. „Irgendwann ließ er tatsächlich locker.“ Obwohl der Fünfzigjährige die Klinik der University of California in Los Angeles nach einer ambulanten Behandlung der Bisswunden wieder verlassen konnte, beschäftigt ihn der Angriff des Hais weiter.

          Wie ein Video zeigt, das Strandbesucher Anfang Juli während Robles’ Kampf um sein Leben aufnahmen, war der „Great White“ nicht so zufällig erschienen wie anfangs vermutet. Das Jungtier hing vielmehr fast 40 Minuten lang an der Angel eines Fischers, bevor es nach Robles schnappte. „Dass ihnen mein Leben so gar nichts galt, war wie ein Schlag ins Gesicht“, kommentiert Robles das Video, in dem das Lachen des Anglers Jason Hagemann und seiner Freunde zu hören ist. „Sie haben sich amüsiert, als der Hai mich angriff.“

          Spektakulärer Biss : Hai greift Roboter an

          Während Hagemann die Attacke als „blöden Unfall“ abtut, streiten Politiker, Tierschützer und Forscher jetzt um das Zusammenleben von Hai und Mensch an kalifornischen Stränden. Der Gemeinderat von Manhattan Beach verhängte vorübergehend Bade- und Angelverbote. Die radikale Tierschutzorganisation People for the Ethical Treatment of Animals (Peta) forderte, Fischen vom Pier auch auf Dauer zu untersagen: „Es geht darum, die öffentliche Sicherheit zu wahren und das Risiko zu senken, dass ein weiterer Schwimmer durch einen verstörten Hai verletzt oder getötet wird.“

          Wie ein neuer Teil von ,Der weiße Hai‘

          Meeresbiologen wie Christopher Lowe, der seit 15 Jahren die Haiforschungsstation der California State University in Long Beach leitet, warnen dagegen vor überstürzten Entscheidungen. Das Jungtier habe Robles nur angegriffen, weil es nach 40 Minuten Todeskampf an Hagemanns Angel in Panik geraten sei. „Das alles erinnerte an den Film ,Der Weiße Hai‘“, sagt Lowe. „Es war Wochenende, Hunderte Menschen badeten oder surften. Derweil warfen die Fischer ihre Angeln aus, nachdem sie die Haie mit blutigen Fischabfällen angelockt hatten. Auch wenn das Chumming nicht verboten ist, sollte der gesunde Menschenverstand solche Praktiken in der Nähe von Schwimmern eigentlich ausschließen.“

          Seit Jahren beobachtet der Meeresbiologe, wie sich an den Landungsstegen Südkaliforniens immer häufiger heranwachsende Weiße Haie versammeln. Vor den Piers in Manhattan Beach, Santa Monica und Santa Barbara schwimmen auf einer Fläche von der Größe eines Fußballfeldes durchschnittlich etwa fünf der 1,20 bis 1,60 Meter langen Jungtiere.

          Da sich die Population vermutlich wegen des Klimawandels zunehmend Stränden nähert und gleichzeitig mehr Menschen auf Surf- oder Paddle-Board ins Wasser gehen, bleiben auch tödliche Begegnungen nicht aus. Im Oktober 2012 starb der 39 Jahre alte Surfer Francisco Javier Solorio an einem Strand bei Santa Barbara, als er von einem etwa fünf Meter langen Weißhai angegriffen wurd

          „Ein Ozean ist kein Disneyland.“

          Zwei Jahre zuvor biss sich wenige Meilen entfernt ein „Great White“ im Boogie-Board des Studenten Lucas Ransom fest. Der Raubfisch riss dem Rettungsschwimmer ein Bein ab. Der Neunzehnjährige verblutete, bevor seine Freunde ihn an Land bringen konnten. Insgesamt zählte die Behörde für Fisch und Wild in den vergangenen 90 Jahren etwa 100 Hai-Angriffe vor der mehr als 1300 Kilometer langen Küste Kaliforniens. 13 Begegnungen mit den bis zu dreieinhalb Tonnen schweren Weißen Haien (Carcharodon carcharias) endeten tödlich.

          Da die Abteilung für Haiforschung in Florida (FPSR) im vergangenen Jahr vor Kalifornien aber rund 2400 „Great Whites“ anstelle der vermuteten 200 Tiere zählte, befürchten Beobachter nun, dass es viel mehr Angriffe geben wird. „Weil sich der Ozean verändert, müssen auch die Angler, Schwimmer und Surfer ihre Gewohnheiten ändern“, rät der Meeresbiologe Lowe.

          Besonders Urlauber wie die 20 Jahre alte Jana Lutteropp aus dem hessischen Zierenberg, die vor einem Jahr nach einem Haiangriff vor der hawaiianischen Insel Maui starb, unterschätzten häufig die Gefahr. „Wie bei einer Wanderung durch einen Tropenwald sollten Touristen sich auch vor einem Strandbesuch informieren“, sagt Lowe. „Ein Ozean ist kein Disneyland. Im Wasser warten unter Umständen gefährliche Strömungen, Quallen oder Haie.“

          Das „Chumming“ soll verboten werden

          Um neben Unfällen auch die Gefahr „selbst herbeigeführter Angriffe“ von Haien zu verringern, hat der Gemeinderat in Manhattan Beach jetzt auf Rat des Biologen beschlossen, das Chumming künftig unter Strafe zu stellen. Zudem dürfen Angler von September an weder Stahlschnüre noch große Haken mehr benutzen, die auch Haie aushalten. „Die neuen Regelungen erlauben es den Fischern weiter, sich aus dem Meer zu versorgen. Sie tragen aber auch der Sicherheit der Bevölkerung Rechnung“, sagt Stadtrat Wayne Powell.

          Die kalifornischen Sportangler pochen dagegen auf das in der kalifornischen Verfassung festgeschriebene Recht, von öffentlichem Land zu fischen. „Mit den neuen Vorschriften verbietet der Gemeinderat de facto das Angeln in Manhattan Beach. Die Kommission für Fisch und Wild ist aber die einzige Behörde, die Fischerei regulieren darf“, sagte ein Sprecher des Interessenverbands California Sportfishing League dem „Daily Breeze“.

          Nach einer Unterschriftensammlung der Organisation kündigte die Fish and Game Commission nun eine Prüfung an. „Wir unterstützen Manhattan Beach gern bei der Wahrung der öffentlichen Sicherheit“, sagte deren Sprecher. „Aber Entscheidungen sollten auf einer echten und nicht auf einer eingebildeten Gefahr beruhen.“

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