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H1N1 : Das rätselhafte Mosaikvirus

Wissenschaftler rätseln bis heute, warum in den Jahren 1918 bis 1920 die Spanische Grippe kaum alte Menschen traf Bild: Reuters

Schon einmal rief eine Variante des H1N1 eine der schlimmsten Pandemien der Weltgeschichte hervor. Trotz vieler Parallelen spricht jedoch vieles dafür, dass sich die Mexikogrippe nicht zu einer Influenza dieses Ausmaßes entwickeln wird.

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          Die Parallelen scheinen offenkundig: Es handelt sich bei dem in Mexiko erstmals aufgetretenen Schweinegrippevirus wieder um ein Influenzavirus des Subtyps H1N1, es breitet sich von Mensch zu Mensch aus, die Infizierten sind überwiegend jung. Schon einmal - vor 90 Jahren - rief eine Variante des H1N1 eine der schlimmsten Pandemien der Weltgeschichte hervor, der todbringende Erreger sprang von Mensch zu Mensch über, und die Hälfte der mindestens 25 Millionen Toten war zwischen 20 und 40 Jahren alt.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Untypisch für eine Influenza war damals vor allem: Weniger als ein Prozent der Todesopfer war älter als 65 Jahre. Trotzdem spricht auch vieles dafür, dass sich die Schweinegrippe nicht zu einer Influenza pandemischen Ausmaßes entwickelt, obwohl die Welt heute viel stärker besiedelt und vernetzt ist. Unter anderem sind in den Industrienationen große Mengen an Grippemedikamenten (besonders Tamiflu und Relenza) vorhanden, gegen die das Mexikovirus (noch) nicht resistent ist.

          Ausreichend Grippemittel

          Die Fachleute vom Berliner Robert Koch-Institut (RKI) hatten schon in den Zeiten der Vogelgrippe allen Bundesländern eine Bevorratung mit Influenzamitteln dringend empfohlen. Im Falle einer Pandemie ist, je nach Annahme, eine Erkrankungsrate von 30 Prozent der Bevölkerung wahrscheinlich. Da wohl nicht alle medikamentös behandelt werden müssten, würde es reichen, für 20 Prozent der Menschen Grippemittel zur Verfügung zu haben. Genau das empfiehlt das RKI.

          „Wir wären froh, wenn alle Länder 20 Prozent hätten“, sagt die Sprecherin des Instituts, Susanne Glasmacher. Genaue Zahlen darüber haben nur die jeweiligen Gesundheitsministerien, bekannt ist zum Beispiel, dass Nordrhein-Westfalen Grippemedikamente für sogar 30 Prozent seiner Einwohner bevorratet - was im übrigen kritisiert wurde, als die Vogelgrippe sich eben nicht zu einer Pandemie ausweitete. Nun könnte sich die Überversorgung als Glück erweisen.

          Entscheidende Genabschnitte sind bekannt

          Da es in Deutschland bislang noch keinen Schweinegrippe-Patienten gegeben hat, liegt dem Nationalen Referenzlabor auch noch nicht die spezielle Variante des neuen Virus H1N1 vor. Die Wissenschaftler kennen aber die entscheidenden Genabschnitte, um im Verdachtsfall das Virus mittels Computer bestimmen zu können. Blutproben würden dann automatisch in das Referenzlabor in Berlin für einen Virusnachweis geschickt werden.

          Eine Schwierigkeit dabei: Mit dem Standardverfahren, dem sogenannten PCR-Test („Polymerase Chain Reaction“, Polymerase-Kettenreaktion), der auch beim genetischen Fingerabdruck zum Einsatz kommt, ist diesem Virus nicht beizukommen. Der Erreger trägt genetisches Material vom Schwein, von Vögeln und vom Menschen in sich, der Präsident des RKI, Jörg Hinrich Hacker, spricht von einem „Mosaikvirus“. Das entscheidende Sequenzstück, das durch den PCR-Text normalerweise erkannt wird, fehlt aber. Es ging offenbar bei der „Erbgutlotterie“ verloren, wie Susanne Glasmacher sagt.

          Überträger ist vor allem der Mensch

          Schweine gelten als „Mischgefäße“, sie können sich mit aviären (von Vögeln) und menschlichen Influenzaviren gleichermaßen infizieren. Über die Entstehung des Virus ist wenig bekannt. Augenscheinlich hat es sich inzwischen aber besonders gut an den Mensch angepasst, eine Ausbreitung über Vögel, die es von Land zu Land und Kontinent zu Kontinent tragen könnten, scheint nicht wahrscheinlich. Überträger ist derzeit vor allem der Mensch.

          Und der überträgt es sogar „sehr schnell“, wie RKI-Präsident Hacker am Montag sagte. So sei nicht auszuschließen, dass der Erreger schon bald auch nach Deutschland eingeschleppt wird. Hacker warnte davor, „in Panik zu verfallen“. Deutschland sei gut gerüstet. Warum der Erreger vor allem bei jungen Erwachsenen auftritt, ist nicht klar. Die Wissenschaftler rätseln bis heute, warum in den Jahren 1918 bis 1920 die Spanische Grippe kaum alte Menschen traf.

          Eine Möglichkeit: Schon in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts kursierte ein verwandtes Influenzavirus, das zu einer Teil-Immunisierung führte. Oder aber das besonders gesunde und starke Immunsystem junger Menschen reagierte damals (und tut es vielleicht wieder) über, es schoss gewissermaßen über das Ziel hinaus und griff das Lungengewebe an. Unbeantwortet ist auch die Frage, warum die Krankheit bei Infizierten in den Vereinigten Staaten und Kanada wesentlich milder verläuft als in Mexiko. Zu hoffen wäre, dass sich das Virus schon wieder abgeschwächt hat. Sicher aber ist das nicht.

          Die Weltgesundheitsorganisation (WHO)

          Krankheiten kennen keine Grenzen. Der Kampf gegen die Schweinegrippe ist daher eine Aufgabe, die nicht zuletzt der Weltgesundheitsorganisation (WHO) obliegt. Die 1948 gegründete Sonderorganisation der Vereinten Nationen mit Sitz in Genf will an diesem Dienstag darüber entscheiden, ob sie die Infektionskrankheit auf ihrem Pandemie-Alarmplan mit einem erhöhten Übertragungsrisiko von Mensch zu Mensch einstuft und damit schärfere Gegenmaßnahmen rund um die Welt anstößt.

          Schon bei Vogelgrippe und Sars war die UN-Organisation mit ihren 193 Mitgliedsländern gefordert. Aber die Arbeitsfelder gehen weit darüber hinaus. Die WHO ist internationale Gesundheitspolizei und Antriebskraft für ein gesünderes Leben. Sie kämpft gegen die großen Geißeln der Menschheit wie Malaria, Tuberkulose und Aids. Sie zeigt sich besorgt über die Ausbreitung chronischer Leiden, zu denen Herz-Kreislauf-Krankheiten, Diabetes und Krebs zählen. Die WHO engagiert sich aber auch im Kampf gegen die Beschneidung von Frauen und gegen die Kindersterblichkeit in Afrika.

          8000 Mitarbeiter

          Als einer ihrer größten Erfolge gilt die internationale Anti-Tabak-Konvention von 2003, die der Zigarettenindustrie Fesseln anlegte. Der Sachverstand der mehr als 8000 Personen, die für die WHO unter ihrer energischen Generaldirektorin Margaret Chan arbeiten, wird rund um die Welt anerkannt. Das macht sie zu einer der effektivsten UN-Organisationen.

          Die wichtigsten Entscheidungen fallen in der Weltgesundheitsversammlung, in der alle Mitgliedsländer Sitz und Stimme haben. Der Jahresetat der Weltgesundheitsorganisation betrug zuletzt 3,3 Milliarden Dollar. Das meiste Geld kommt dabei von den Mitgliedern. Nichtstaatliche Stellen tragen gut zehn Prozent des Aufkommens. Hinzu kommen weitere Formen der Unterstützung. So teilte der Pharmakonzern Roche am Montag mit, er werde auf Anforderung der WHO weitere drei Millionen Einheiten des Grippemittels Tamiflu kostenlos liefern. (du.)

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