https://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/grubenunglueck-von-luisenthal-toedlicher-sternhimmel-im-schacht-11640986.html

Grubenunglück von Luisenthal : Tödlicher Sternhimmel im Schacht

Am 7. Februar 1962: Angehörige von Bergleuten der Grube Luisenthal bei Völklingen im Saarland warten vor dem Tor auf Nachrichten.
          3 Min.

          Nieselwetter herrschte am Mittwoch, dem 7. Februar 1962, im Völklinger Stadtteil Luisenthal. Doch der Tag sollte nicht als grau, sondern als schwarz in die Geschichte eingehen. Gegen 7.45 Uhr war in der Steinkohlegrube ein Knall zu hören. Kurz danach flog der tonnenschwere Schachtdeckel des Alsbachfeldes meterhoch in die Luft und blieb in dem darüber stehenden Gerüst hängen. Dann drang schwarzer Qualm aus dem Schacht. Er war das tagelang sichtbare Zeichen für das Unglück unter Tage.

          Oliver Kühn
          Redakteur in der Politik.

          Ambulanzen und Feuerwehren rasten zur Grube, und das Knattern von Hubschraubern hallte in den Straßen wider. Doch das bis dahin zweitschwerste Grubenunglück im Nachkriegsdeutschland war nicht mehr zu verhindern. Mehr als 600 Meter unter der Erde war es zu einer Schlagwetterexplosion gekommen. Ihr folgten mehrere Kohlenstaubexplosionen. Überlebende berichteten von einem Schacht voller Funken, „schöner als jeder Sternhimmel“, und einem Flammeninferno, das wellenförmig auf sie zu kam. 664 Bergleute waren unter Tage, 299 von ihnen kamen ums Leben, 73 wurden zum Teil schwer verletzt. Das jüngste Opfer war 16, das älteste 59 Jahre alt.

          Mit einem ökumenischen Gottesdienst wurde an diesem Dienstag des Bergwerksunglücks vor 50 Jahren gedacht - mehr als 1300 Menschen nahmen daran teil.
          Mit einem ökumenischen Gottesdienst wurde an diesem Dienstag des Bergwerksunglücks vor 50 Jahren gedacht - mehr als 1300 Menschen nahmen daran teil. : Bild: dapd

          Warum es zu der Explosion kam, ist nie geklärt worden. Für Gerhard Thurn, einen ehemaligen Bergmann der Grube Luisenthal, ist das verständlich, sind doch alle, die Auskunft darüber geben könnten, bei dem Unglück umgekommen. So wie auch seine fünf Kollegen, mit denen er im Alsbachfeld arbeitete. Thurn war nicht in der Grube, weil er zwei Tage vorher eine Zahnoperation hatte. Als er von dem Unglück hörte, fuhr er sofort hin. Er gehörte zu denjenigen, die in den verwüsteten Schacht hinabstiegen, um in dem Chaos die Opfer zu bergen. Viele waren bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Erst nach Stunden fanden sie einen Überlebenden. Es sollte der letzte sein, der aus dem Schacht geborgen wurde.

          Viele Angehörigen warteten bang an der Grube. Erst war von elf Toten, am Abend schon von mehr als 200 die Rede. Verzweifelte Ehefrauen versuchten, die Halle zu stürmen, in der die Toten lagen, um Gewissheit zu erlangen. Aber erst 24 Stunden später wurden die ersten Totenlisten herausgegeben. Sie wurden mit jeder Stunde länger. Beim Schlagwetter reicht oft ein Funke, um das Gemisch aus Grubengas und Sauerstoff zu entzünden. Aber woher kam der Funke in Luisenthal? Hatte sich ein Bergmann verbotenerweise eine Zigarette angezündet? Bei den Aufräumarbeiten wurden Zigaretten gefunden. War eine Grubenlampe defekt und hatte die Heizwendel das Gasgemisch entflammt? Die erste Explosion führte dazu, dass sich Kohlenstaub entzündete und den Schacht in ein Inferno verwandelte.

          Ein Hubschrauber kreist nach dem Unglück über der Grube Luisenthal.
          Ein Hubschrauber kreist nach dem Unglück über der Grube Luisenthal. : Bild: Archiv des Saarlandes/dapd

          Hubert Kesternich sah die Auswirkungen des Feuers. Der heute 68 Jahre alte ehemalige Bergmann arbeitete als Vermessungshelfer in der Grube. Es war Zufall, dass er an dem verhängnisvollen Mittwoch nicht im Alsbachfeld war. So bekam er von der Explosion unmittelbar nichts mit. Erst als alle Arbeiter gegen zehn Uhr aus der Grube kommen sollten, sah er, was passiert war. Auf dem Weg zum Schacht wurde er von Rettungstrupps überholt. Aus der anderen Richtung kamen ihm Überlebende entgegen. Weil er in der gesamten Grube arbeitete und viele Bergleute kannte, musste der damals 18 Jahre alte Kesternich mit ein paar anderen die Toten identifizieren.

          In der Nacht zum 8. Februar waren bis zu 250 Opfer aus dem Schacht geborgen, in einer großen Halle auf den Boden gelegt und mit Decken verhüllt worden. Kesternich ging mit seinen Kollegen von einem Opfer zum anderen und hob die Decke an. Zu einigen legten sie ein Namensschild, viele aber waren nicht mehr zu erkennen. Den Anblick hat Kesternich nicht vergessen. Damals konnte er drei Tage lang nichts essen.

          Bergleute verlassen am Tag des Unglücks die Grube.
          Bergleute verlassen am Tag des Unglücks die Grube. : Bild: dpa

          Die große Zahl der Opfer, so meint er, wäre zu vermeiden gewesen, wenn alle Sicherheitsvorschriften eingehalten worden wären. Behälter mit Steinstaub, die unter der Decke aufgehängt werden und eine Kohlenstaubexplosion verhindern sollen, seien teilweise nicht vorhanden oder kaum befüllt gewesen. Zu viele Leute waren in einer Abteilung eingesetzt. Und der erhöhte Methangasaustritt bei Bauarbeiten sei nicht überwacht worden.

          All das kam auch im Bericht des Landtags-Untersuchungsausschusses vor. Zwar wurden 13 Männer angeklagt. Doch keiner von ihnen war für Sicherheits- und Abbaubestimmungen verantwortlich, alle wurden freigesprochen. Die Verantwortlichen hätte man nach Meinung Kesternichs beim Grubenbetreiber, den Saarbergwerken, gefunden. Immerhin folgten aus dem Unglück, so Gerhard Thun, der auch nach der Katastrophe weiter in der Grube arbeitete, verbesserte Sicherheitsmaßnahmen. Die Kumpel zahlten damals einen „Blutzoll“, damit es anderen nicht genauso ergehe. An diesen „Blutzoll“ erinnerten am Dienstag 1300 Menschen, die zum Gedenkgottesdienst nach Luisenthal kamen. Es ist ein Abschied in doppelter Hinsicht, denn in diesem Jahr wird der Bergbau im Saarland ganz aufgegeben.

          Weitere Themen

          Ausbreitung der Waldbrände im Südwesten gestoppt

          Frankreich : Ausbreitung der Waldbrände im Südwesten gestoppt

          Seit Dienstag wüten die Flammen im Südwesten Frankreichs. Den Einsatzkräften ist es gelungen, ihre Ausbreitung einzudämmen – mit Unterstützung aus ganz Europa. Starker Wind und Unwetter könnten die Waldbrände wieder verstärken.

          Topmeldungen

          Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine

          Ukrainekrieg : Selenskyj fordert Sanktionen gegen russische Atomindustrie

          Die Strafmaßnahmen müssten die Nuklearindustrie des russischen Aggressors treffen, sagte Selenskyj in seiner Videoansprache. Jeder russische Soldat, der das AKW Saporischschja beschieße oder sich dort verschanze, werde zum Ziel ukrainischer Geheimagenten und der Armee.
          Das Mar-a-Lago-Anwesen des früheren Präsidenten Donald Trump in Palm Beach in Florida

          Razzia in Mar-a-Lago : Log Trumps Anwalt über Top-Secret-Dokumente?

          Im Juni soll ein Anwalt des früheren Präsidenten schriftlich bestätigt haben, in Mar-a-Lago lagerten keine klassifizierten Dokumente mehr. Doch die Liste des FBI über die noch dort befindlichen Papiere widerlegt das.
          Verzierter Lotussockel: Modi vor einer Großversion des indischen Nationalwappens

          75 Jahre Unabhängigkeit : Mit Bulldozern baut Modi sein „Neues Indien“

          75 Jahre nach der Unabhängigkeit will Ministerpräsident Narendra Modi Indien von den Spuren der Fremdherrschaft befreien. Er selbst soll in die Geschichte eingehen. Vor allem Muslime geraten dabei unter Druck.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.