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Übergewichtige Briten : Erst rechnen, dann essen

London: In einem Restaurant stehen die Angaben zu Kalorien und Nährwerten auf einem Hinweisschild. Bild: dpa

Englische Großrestaurants müssen seit April die servierten Kalorien auf die Speisekarten drucken. Nicht allen gefällt das.

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          Nahrung und Gesundheit stehen von jeher in einem an­gespannten Verhältnis, oder wie der Polemiker George Bernard Shaw einmal mit Verweis auf die Statistik feststellte: „Nur sehr wenige derer, die sich das Essen angewöhnt haben, überleben.“ Wer soll sich also wundern, wenn die neue Kennzeichnungspflicht in englischen Groß­gastronomien vielen unverdaulich vorkommt? Seit Restaurants und Cafés mit mehr als 250 Mitarbeitern – die Rede ist überwiegend von Ketten – auf der Speisekarte die servierten Kalorien vermerken müssen, wird gestritten, ob das eher nützt oder schadet. Die Regierung sieht ihr neues Gesetz als „Teil der Strategie zur Bekämpfung der Übergewichtigkeit“, von der im Königreich mehr Bürger betroffen sind als in den meisten anderen europäischen Ländern. Fast zwei Drittel der Engländer sind übergewichtig, die Hälfte von ihnen schon im Grundschulalter, was den Nationalen Gesundheitsdienst jedes Jahr Milliarden Pfund kostet. Die Kennzeichnungspflicht, die es in Supermärkten seit Jahren gibt, soll den Bürgern nun auch im Restaurant „zu informierteren, gesünderen Entscheidungen verhelfen“, heißt es. Außerdem hofft die Politik, dass sich die Restaurants „zu kalorienärmeren Angeboten ermutigt fühlen“.

          Jochen Buchsteiner
          Politischer Korrespondent in London.

          Was nach „common sense“ klingt, erregt Empörung von vier verschiedenen Seiten. Zum einen sind da die grundsätzlichen Einwände der Libertinären, die in England noch eine beachtliche Lobby haben. Sie sprechen sich gegen den „Nanny-Staat“ aus und wollen sich als Bürger nicht ständig belehren lassen – zumal sie gerade erst den Klauen der Corona-Auflagen entkommen sind. Zum Zweiten werden wirtschaftliche Gründe in Stellung gebracht. Emma McClarkin von der British Beer and Pub Association spricht von einer „Extra-Bürde für unser Geschäft“ nach der Corona-Zeit. Die Reaktion der Kunden auf die Kalorienauszeichnung sei nämlich durchaus „geteilt“, weil viele einfach kämen, „um sich etwas zu gönnen, und sich dabei nicht sündig fühlen wollen“.

          Das blendet über zum dritten Einwand, dem sozialen. Denn die neue Vorschrift trifft ja vor allem jene, die es treffen sollte – Menschen, die schon aus Spargründen die günstigen Hamburger- und Pizzarestaurants aufsuchen. Die Regierung mag es mit den Bürgern so gut gemeint haben wie einst Lord Byron mit den Frauen, denen er davon abriet, sich beim Essen und Trinken zu zeigen, außer beim Verzehr von Lobstersalat und Champagner. In den Fast-Food-Restaurants kommt derlei nicht gut an. Die Boulevard-Kolumnistin Clemmie Moodie schrieb von einem „weiteren Stock, mit dem die Arbeiterklasse geschlagen wird, während die High-end-Michelin-Stern-Schuppen keine Kalorienangaben über ihre Nitro-pochierten Mousse-Geschmacksabbinder machen müssen“.

          Und dann sind da noch die Vertreter der unter einer Essstörung Leidenden im Königreich, deren Zahl in der Zeit der Pandemie auf mehr als 1,2 Millionen hochgeschnellt ist. Tom Quinn von der Organisation Beat äußerte sich „extrem enttäuscht“. Von Magersucht- und Bulimie-Erkrankten, die er unterstützt, wisse er, dass Kalorienangaben auf Speisekarten Essstörungen nur verschlimmerten. Immerhin hat die Regierung eine Klausel ins umstrittene Gesetz eingefügt. Auf Verlangen des Gastes darf der Kellner eine Speisekarte ohne Kalorienangaben aushändigen.

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