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Grand-Prix-Halbfinale : Der Westen übertrumpft den Osten

Für Island sang Yohanna: „Is It True?” Bild: AFP

Beim Eurovision Song Contest in Moskau haben sich die ersten zehn Länder für den Einzug ins Finale am Samstag qualifiziert. Doch das erste Halbfinale deutet auf keinen überragenden Jahrgang hin. Und die beiden russischen Moderatoren wirkten zum Schluss wie betrunken.

          Zwei herausragende Stimmen, 15 mehr, davon drei auch weniger auf Englisch gesungene Beiträge, drei weitere in der Muttersprache, dazu ein bisschen Hebräisch und Arabisch, eine Miss World und eines der höchstbezahlten Models sowie eine schwarze Elvis-Schmalzlocke, ein roter Superman, ein Schweizer ohne Stimme und - kein Hardrock aus Finnland.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Was nach einem kurzweiligen Abend klingt, war in weiten Teilen doch eher seicht und kann auch nicht darüber hinwegtäuschen, dass zumindest das erste Halbfinale des Eurovision Song Contest (ESC) auf keinen überragenden Jahrgang in Moskau hindeutet. Man kann froh sein, dass acht der schwächsten Teilnehmer schon in der Zwischenrunde rausgeflogen sind: darunter fünf Länder aus dem ehemaligen Ostblock und - nur - drei aus dem Westen (Belgien, Andorra und die Schweiz).

          Die „größte Grand-Prix-Show der Geschichte“ war das noch nicht

          Der Westen punktete: Schweden, vertreten mit „La voix“ (zu deutsch: Die Stimme) und der Opernsängerin Malena Ernman, ist ebenso weiter wie die Malteserin Chiara („What If We“), die ja ebenfalls mit einer außergewöhnlich schönen Stimme gesegnet ist. Chiara steht damit zum dritten Mal in einem Grand-Prix-Finale. Zudem erreichten noch Israel mit dem Duo Noa & Mira Awad - die eine ist Jüdin, die andere Araberin -, die Türkei (Hadise mit „Düm tek tek“), Island (Yohanna mit „Is It True?“), Finnland (Waldo's People mit „Lose Control“) und die folkloristischen Straßenmusiker Flor-de-Lis mit „Todas As Ruas Do Amor“ aus Portugal die Endrunde. Aus dem Osten schafften es Bosnien-Herzegowina (Regina mit „Bistra Voda“), Armenien (Inga & Anush mit „Jan Jan“) und Rumänien (Elena mit „The Balkan Girls“).

          Supermodel Natalia Vodianova und Fernsehmoderator Andrey Malakhov wirkten am Ende nicht mehr ganz nüchtern

          Dass der Ost-West-Konflikt, der schon seit einigen Jahren beim ESC tobt, gerade in Moskau Thema ist, war klar. Manch einer aus dem Westen zögerte denn auch, ausgerechnet in das Land zu fahren, das früher im Osten tonangebend war. Nun hatten die russischen Gastgeber vollmundig versprochen, die größte Grand-Prix-Show der Geschichte auszurichten. Das erste Halbfinale indes war höchstens nett anzusehen. Am Anfang wurden russische Mythen und Märchen von Väterchen Frost bis zur scharlachroten Blume zum Leben erweckt. Später dann versammelten sich Militärchöre auf der Bühne, es wurde gesungen (unter anderem das angeblich russische Volkslied „Kalinka“), getanzt, und natürlich fehlte auch das so umstrittene Popduo „t.A.T.u.“ nicht, das 2003 Russlands Kandidat beim ESC in der lettischen Hauptstadt Riga gewesen war und es dort auf Platz drei geschafft hatte.

          Moderatoren wirkten wie betrunken

          Gelungen waren die Überleitungen zwischen den einzelnen Beiträgen, gezeigt wurden keine Postkarten, sondern es war die amtierende Miss World, Ksenja Suchinowa, zu sehen, die auf den jeweiligen Interpreten einstimmte - mit am Computer animierten Szenen aus dem jeweiligen Land. Kaum zu ertragen hingegen waren die beiden russischen Moderatoren und Gastgeber des Abends: Das Model Natalia Vodianova und der Fernsehjournalist Andrei Malakhov wirkten zum Schluss wie betrunken. Jede Pointe ihrer spärlich gestreuten Witze vers(ch)enkten sie. Zudem scheinen Fremdsprachen nicht gerade die Stärke von Natalia Vodianova zu sein, obwohl sie in London lebt und als das einstige Gesicht von Calvin Klein, das wegen seiner Super-Gagen auch „Super Nova“ genannt wird, eigentlich auch weitgereist sein sollte.

          Richtig schlecht war der Beitrag aus Bulgarien: Der Countertenor Krassimir Avramov wurde zwar 2005 schon in Los Angeles zum Superstar des Jahres gewählt, in Moskau jedoch traf er bei seinem „Illusion“ kaum einen Ton. Er und seine Begleiterinnen kreischten mehr als das sie sangen. Und so gehörten sie genauso zu den Verlierern wie auch die Schweizer Gruppe Lovebugs („The Highest Heights“): Sänger Adrian Sieber war einfach nicht bei Stimme. Sang und klanglos ging auch Montenegro und Andrea Demirovic unter. Sie musste als erste auf die Bühne und machte ihre Sache auch ganz ordentlich. Doch war ihr Lied „Just Get Out Of My Life“ einfach nicht gut genug. Bitter für Komponist Ralph Siegel und Texter Bernd Meinunger, die zusammen ja mal Nicoles „Ein bisschen Frieden“ und Katja Ebsteins „Theater“ geschaffen hatten. Nun aber sind sie ein weiteres Mal nicht in ein Grand-Prix-Finale eingezogen.

          Etliche Nationen boykottieren den Grand Prix

          Alles in allem kann der Fernsehzuschauer mit den ersten zehn in Moskau gefundenen Finalisten zufrieden sein, auch wenn der deutsche Kommentator bedauernd feststellte, dass leider nicht alle in die Endrunde kommen konnten (warum nur?).

          Überhaupt der deutsche Moderator: Statt des NDR-Manns Peter Urban war Tim Frühling vom Hessischen Rundfunk erstmals bei einem Grand Prix am Mikrofon, und er leistete sich gleich zu Beginn einen ziemlich unpassenden Vergleich: Was 1980 bei den Olympischen Spielen nicht gelungen sei, so Frühling, nun Wirklichkeit geworden. Nationen aus ganz Europa wären nach Moskau zum diesjährigen Grand Prix in die Olympiyski Arena gekommen, die damals ja eigens für das Weltsportereignis gebaut worden war, an dem dann aber der überwiegende Teil des Westens wegen des damaligen Afghanistan-Kriegs der Sowjetunion nicht teilnahm. Doch auch der Eurovision Song Contest ist längst nicht so unpolitisch, wie er sich gerne gibt: Etliche Nationen boykottieren den Grand Prix aus den unterschiedlichsten Gründen, Italien zum Beispiel seit den achtziger Jahren, Österreich nun schon zum zweiten Mal in Folge, außerdem natürlich - und jetzt wird's sehr politisch - alle muslimischen Länder Nordafrikas und des Nahen Ostens (mit Ausnahme der Türkei), die zwar Mitglieder der European Broadcasting Union (EBU) sind, aber wegen der Teilnahme Israels auf den Contest verzichten. Letztes Beispiel ist in diesem Jahr Georgien. Das Land boykottierte Moskau kurzfristig nach der Disqualifizierung seines Russland-kritischen Beitrags „We Don't Wanna Put In“. Darum traten am Dienstagabend auch nur 18 Länder im ersten Halbfinale an, am Donnerstag beim zweiten Halbfinale werden es dann 19 sein.

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