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Grand Prix d´Eurovision : Die Türkei singt sich nach Europa

  • Aktualisiert am

Her mit der Trophäe, scheint Sertab in Riga zu singen Bild: dpa/dpaweb

Nach Fußball und Schönheit nun die Musik. Vor drei Jahre schrieb Galatasaray Istanbul Fußballgeschichte und holte einen europäischen Fußballpokal in die Türkei. Jetzt siegt Sertab Erener zum ersten Mal beim Schlagerwettbewerb Grand Prix d´Eurovision.

          Nach Fußball und Schönheit die Musik. Erst drei Jahre ist es her, daß Galatasaray Istanbul Fußballgeschichte schrieb und zum ersten Mal einen europäischen Fußballpokal in die Türkei holte; im vergangenen Jahr wurde die Türkei bei der Fußballweltmeisterschaft Dritter. Auf das oberste Podest stieg die Türkin Azra Akin und wurde "Miss World". Mit den Kopenhagener Kriterien für die EU tut sich die Türkei schwer, was Fußball und Schönheit angeht, ist sie längst in Europa angekommen - und nun auch in der Musik. "Die türkische Musik drückt Europa den Stempel auf" titelte das Massenblatt "Milliyet" am Sonntag, nachdem Sertab Erener den 48. Grand Prix d'Eurovision im lettischen Riga am Samstag abend gewonnen hatte.

          Seit 1975 nimmt die Türkei an dem Wettbewerb teil. Meist gelangte sie nur auf die hinteren Plätzen. Nur einmal, 1997, reichte es für den dritten Platz. Nun hat Sertab den Nationalstolz aufpoliert. Für die Boulevardzeitung "Posta" bedarf es nur weniger Worte: "Die Türkei ist am größten". Auf den umstrittenen englischen Text der Siegerin spielt das Massenblatt "Hürriyet" an und titelt: "Thank you Sertab". Darunter: "Sertab hat recht behalten". Sie hatte Empörung hervorgerufen, als bekannt wurde, daß sie keinen türkischen, sondern einen englischen Text singen werde.

          Sprachpuristen witterten Verrat

          Die Sprachenvielfalt in Europa nimmt ab, und die türkischen Sprachpuristen witterten Verrat. Sertab aber wußte nur zu gut, daß ein türkischer Text in Europa nicht ankäme. Und so sang sie eben "Everyway that I can". Der Videoclip zum Liebeslied hingegen zeigt orientalische Szenen aus dem Harem und dem Hamam, dem türkischen Dampfbad - dazu natürlich viel Bauchtanz. Im Massenblatt "Sabah" brachte es der angesehene Kolumnist Ahmet Hakan auf die Formel: "Das erwarten die Abendländer vom Orient." Aber eben nur auf Englisch.

          Sertab ist nicht die erste, die den türkischen Pop jenseits der Landesgrenzen bekanntmacht. Der in Deutschland aufgewachsene Tarkan hat ihn längst internationalisiert und in alle wichtigen Hitlisten gebracht. Sein Hüftschwung begeistert nicht mehr nur die türkische Jugend. Sertab ist hingegen eine durch und durch türkische Sängerin. 1994 hatte sie ihr erstes Album unter dem bezeichnenden Titel "La'l" (Tulpe) herausgegeben: Die Tulpe ist die Blume des Osmanischen Reichs.

          Klassischen Gesang studiert

          Bis heute legt Sertab Wert auf orientalisierende Elemente, und sie kleidet sich gerne folkloristisch. Dabei hatte sie in ihrer Heimatstadt Istanbul, wo sie am 4. Dezember 1964 geboren wurde, zunächst klassischen Gesang studiert. Am Konservatorium kam es nicht gut an, daß sie abends mit Jazzgruppen und Popbands auftrat. So mußte sie ihr Studium aufgeben. Nur noch einmal stieg sie als Diva auf die Opernbühne, für einen Werbeclip, der im vergangenen Jahr die Fusion der beiden Finanzinstitute Osmanli Bankasi und der Garanti Bankasi ankündigte. Sertab sang zu Mozarts "Alla Turca" perlende Koloraturen. Da marschierte eine Janitscharenkapelle ein und übertönte sie mit ihren großen Trommeln (kös), den Oboen (zurna) und dem Schellenbaum (cagana) - bis sich schließlich die beiden Melodien verschmolzen und die Fusion der beiden Banken besiegelt war.

          In Wirklichkeit stand Sertap aber nie auf der Opernbühne. Nachdem sie ihr Studium aufgegeben hatte, wurde sie Hintergrundsängerin von Sezen Aksu, der großen Pop-Königin der Türkei. Das erste Album "La'l" war noch eine "Sezen-Aksu-Produktion". Die große Meisterin schrieb die Texte und einige Lieder. Hintergrundsänger war Levent Yüksel, den sie später heiratete. Die Ehe war künstlerisch fruchtbar, aber kurz. Nach einer schweren Krankheit, die sie Monate ans Krankenbett fesselte, trennte sich Sertab 1998 von ihrem Mann. Sie löste sich auch allmählich von Sezen Aksu und entwickelte ihren eigenen Stil. Noch immer aber tritt sie gemeinsam mit Levent Yüksel auf, etwa bei den Freiluftkonzerten in der Istanbuler Festung "Rumeli Hisari".

          Keine Skandale

          Auch wenn Sertab längst im Zentrum des türkischen Pop steht: Nie ist sie wie ihre Kolleginnen durch Skandale aufgefallen, immer ist sie seriös geblieben. Bei ihren Auftritten füllt sie mit ihrem handwerklichen Können und ihrer Ausstrahlung leicht die Bühne aus. Dem haben sich in Riga auch Griechenland und Zypern nicht entziehen können. Griechenland honorierte Sertab mit sieben Punkten, Zypern vergab erstmals überhaupt bei einem Grand Prix Punkte an die Türkei, und dabei gleich acht. "Für den Frieden auf Zypern", sagte der griechische Zyprer. Vielleicht beginnt für die Türkei nun doch eine neue Phase.

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