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Görlitz damals und heute : Wie eine Insel in der Zeit

  • -Aktualisiert am

Ein Panorama der Altstadt von Görlitz, aufgenommen vor 30 Jahren Bild: Jörg Schöner

Vor 30 Jahren stand die einmalige Altstadt von Görlitz kurz vor dem Abriss, heute gilt sie als einmalige Schönheit. Der Fotograf Jörg Schöner hat einst den Verfall dokumentiert – und ist nun an den Ort zurückgekehrt.

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          Die Sonne leuchtet durch zwei hohe, viergeteilte Fenster in den Raum, Stühle stehen zurückgeschoben um einen Beratungstisch, dahinter ein Reißbrett, eine antike Schreibmaschine, ein Vogelkäfig und Hutschachteln, die auf einer Schrankuhr zu balancieren scheinen. Neben einer Kommode liegen zwei behauene Steine, Bruchstücke von Häusern, für die Nachwelt gesichert. Und über allem breitet sich, wie um das kreative Stillleben zu beschützen, eine mächtige Gewölbedecke.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Im Sommer 1981 hat Jörg Schöner dieses Foto in Görlitz aufgenommen, im zweiten Stock des Hauses Untermarkt 25, damals Sitz der Denkmalpfleger in Deutschlands östlichster Stadt. „Hier war stets mein erster Anlaufpunkt, wenn ich nach Görlitz kam“, sagt Schöner heute vor dem Haus, das wie neu im Zentrum leuchtet. Schöner, 70 Jahre alt, kennt Görlitz, drei Jahre lang war er regelmäßig in der Stadt, in der seine Karriere als Architekturfotograf begann. Ohne Görlitz würde er heute nicht den Dresdner Zwinger für die Denkmalpflege fotografieren. Ohne Görlitz hätte er auch nicht den Wiederaufbau der Frauenkirche in Dresden und den des Hotels Adlon in Berlin von der Grundsteinlegung bis zur Eröffnung dokumentiert.

          „Das, was Sie machen, können wir selbst nicht“

          Mehr als 30 Jahre ist es her, dass Jörg Schöner zum ersten Mal nach Görlitz fuhr. Für seine Diplomarbeit wollte er die Stadt festhalten, solange sie noch stand, so wie es ihm Sachsens damaliger Landeskonservator Hans Nadler geraten hatte: „Geh nach Görlitz und fotografiere, bevor dort alles zusammenfällt!“ An seinen ersten Besuch im November 1979 kann er sich noch genau erinnern: „Es war ein nieseliger, nebliger Tag, ich schlich mit meiner Frau durch die Stadt und habe nur gedacht: Oh Gott, was soll ich denn hier machen?“

          Schöner arbeitete damals als freier Industriefotograf, setzte vor allem für die staatliche Werbeagentur Dewag Produkte und Firmen der DDR-Auto-, Glas- und Elektronik-Branche ins Bild. Er hatte sich etabliert, bekam mehr als genug Aufträge, aber er besaß kein Diplom. Seine Bewerbung an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst, wo er seine Mappe eingereicht hatte, wurde abgelehnt, die Begründung hat er nicht vergessen: „Was wollen Sie denn bei uns lernen?“, habe der Professor gefragt. „Das, was Sie machen, können wir selbst nicht.“

          Der Kompromiss war eine externe Diplomprüfung, und weil das Thema nicht aus der Industriefotografie stammen durfte, stand Schöner nun in Görlitz. Die Stadt, um die der Krieg wie durch ein Wunder einen Bogen gemacht hatte, war dem Verfall preisgegeben – die innere Altstadt mit den jahrhundertealten Renaissance- und Barockbauten, und noch mehr die Gründerzeitviertel. „Es war ein furchtbarer, absolut trostloser Zustand“, erzählt Schöner. „Über den Häusern hing der grau-gelbe Dunst der Braunkohleöfen, vielfach waren die Türen vernagelt, die Fenster raus und der Putz ab.“ Die Menschen strömten wie überall in der DDR in die Neubauten in Vororten, Vollkomfort-Wohnungen in Plattenbauweise, die fließend Warmwasser, Bad und Fernheizung boten.

          Die Möglichkeit, aus der Staatslinie auszubrechen

          Schöner, der bis heute in Dresden lebt, brauchte eine Weile, um den Schock zu verarbeiten, seine Gedanken zu ordnen, doch die Atmosphäre zog ihn in ihren Bann. „Görlitz war damals wie eine Insel in der Zeit. In der Altstadt herrschte ein anderer Geist, alles ging geruhsam zu, ein bisschen hinterwäldlerisch, beinahe verschroben. Es war wie ein Spaziergang ins 19. Jahrhundert.“ Die Menschen, unter ihnen viele Schlesier und Vertriebene, seien etwas distanziert, aber freundlich miteinander umgegangen. „Es war einfach, mit ihnen in Kontakt zu kommen.“ Schnell seien gute Gespräche entstanden, die für seine drei Jahre dauernde Arbeit unerlässlich waren.

          Besonders faszinierten ihn die Denkmalpfleger. 4000 Denkmale aus fünf Jahrhunderten hatte die Stadt, doch weder gab es genügend Material noch Arbeitskräfte, um diesen Schatz zu erhalten. „Aus heutiger Sicht hätte man verzweifeln müssen“, sagt Schöner. Um jeden Sack Zement, jeden Meter Kupferblech, ja um jeden Ziegel wurde gerungen. Vorrang hatte der Wohnungsbau, immer. Doch hätten die Görlitzer mit vielen Tricks und Kniffen gearbeitet. „Sie haben sich zu helfen gewusst“, sagt Schöner – und sie freuten sich über kleine Erfolge: ein restauriertes Portal, eine neue Tür, ein geretteter Dachstuhl, was oft genug auch in Privatinitiative geschah.

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