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Görlitz damals und heute : Wie eine Insel in der Zeit

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Jörg Schöner übernahm diese Haltung für seine Arbeit. „Ich sah die Schwierigkeiten, aber ich habe mir gesagt: Wir haben hier was Wunderbares, und ich hoffte, es wenigstens optisch retten zu können.“ Schöner stammt aus einer Dresdner Fotografenfamilie, erhielt jedoch für das Atelier seines Großvaters 1972 – wie viele Private – keinen Gewerbeschein mehr. Die Stelle in einem Dienstleistungskombinat lehnte er ab, er flüchtete in die Freiberuflichkeit, für die er nach zähem Ringen die Zulassung erhielt. Es war seine Möglichkeit, aus der Staatslinie auszubrechen.

Bröckelnder Putz und zerschlagene Fenster

In Görlitz musste sich Schöner in eine neue Materie einarbeiten. Noch nie hatte er Architektur fotografiert. Also begleitete er Denkmalpfleger bei ihren Rundgängen, sprach mit Museums- und Zimmerleuten und wurde von Zufällen überrascht, etwa, wenn ihm Görlitzer Einblicke in ihre Wohnungen gewährten, was nicht selten vorkam. Schöners Werkzeuge waren ein leichtes Stativ und eine Linhof 13x18-Großformat-Kamera aus der Vorkriegszeit.

Er arbeitete nur mit einem Objektiv, ohne Blitz und Lampen, er kroch auf Dachböden, kletterte über Dächer und musste in absonderlichen dunklen Räumen Filmkassetten wechseln. So entstanden nüchtern-sachliche Zeitdokumente wie vom Eckhaus Apothekergasse/ Langenstraße 1, an dem noch „Zigarren – Zigaretten“ über der Eingangstür zu lesen ist, die einst ein prächtiges Portal gewesen sein muss. 1981 aber dominieren hier bröckelnder Putz und zerschlagene Fenster sowie aus dem Dach wachsendes Gras und kleine Bäume.

Solche Häuser standen, wie so viele, auf der Abrissliste. „In einigen Quartieren wurde gar nichts mehr repariert“, erzählt Schöner. „Dort hat man es der Natur überlassen, den Abbruch vorzubereiten.“ Einige Enthusiasten freilich wussten um den Wert der Altstadt, doch erst ab Mitte der achtziger Jahre gab es die Möglichkeit, ein Haus zu kaufen und in Eigenregie zu reparieren. Es war eine Notmaßnahme, auch um Leute im Land zu halten, die mit Ausreise drohten. Auf diese Weise jedoch wurden ganze Straßenzüge gerettet.

Note 3: Fachlich sehr gut, inhaltlich uninteressant

Schöners Bilder wurden 1984 anlässlich einer Unesco-Tagung von Denkmalpflegern aus mehr als 100 Ländern in Görlitz gezeigt. Vor der Eröffnung kam eine Dame aus dem SED-Zentralkomitee auf Schöner zu, der bereits mit dem Schlimmsten rechnete. Sie aber sagte: „Glückwunsch. Endlich zeigt mal jemand, wie es wirklich aussieht.“ Und auch Professor Hans Nadler, der Denkmalschützer, war begeistert.

Die Kunsthochschule freilich sah das anders und bewertete die Arbeit mit der Note 3: fachlich sehr gut, inhaltlich uninteressant. Architekturdokumentationen waren damals unüblich, Ansehen genossen eher die Sozial- und Reportagefotografie. Doch Schöner hatte die Stadt des Untergangs gründlich dokumentiert. Hätte die DDR nur wenig länger existiert, wären es die letzten Fotos des alten Görlitz gewesen.

Vor einigen Jahren kehrte Jörg Schöner nach Görlitz zurück und fotografierte – dieses Mal digital – abermals die Orte, die er 30 Jahre zuvor schon einmal aufgenommen hatte. Herausgekommen sind dabei einzigartige Zeugnisse einer wiederauferstandenen Stadt, die in dieser fast vollständig sanierten Form wieder ein einmaliges Bild abgibt, das wohl nur für wenige Jahren zu sehen sein wird. Görlitz schrumpft und altert und steht im Schatten des ungleich jüngeren boomenden Breslau.

Doch wer weiß, was die Geschichte bringt? Auf dem Bild des verfallenen Hauses in der Hotherstraße 11, 1982 direkt an der Neiße aufgenommen, sind eine vernagelte Tür und ein Schild zu sehen: „HALT Staatsgrenze! Passieren verboten!“ Heute steht über dem Portal des herausgeputzten Gebäudes: „Das Leben entwickelt viel mehr Phantasie, als man sich träumen lässt.“ Und die Grenze dahinter ist kaum noch zu spüren.

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