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Glücksspiele : Die Lottofee ist sozial ungerecht

Auf die richtige Superzahl kommt es an, die hatte am Wochenende keiner richtig getippt Bild: ddp

Wer zahlt bei Glücksspielen am meisten drauf? Eine neue Studie hat ergeben: Die Lotterie ist eine Form staatlicher Ausnutzung der Hoffnungen von Menschen mit geringer Bildung und durchschnittlichem Einkommen.

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          Die Kölner Soziologen Mark Lutter und Jens Beckert haben herausgefunden, dass die staatliche Lotterie in Deutschland eine höchst zweifelhafte Einrichtung ist. Mittels einer Umfrage und statistischer Berechnungen haben sie zunächst untersucht, wer überhaupt Lotto spielt. Vierzig Prozent der erwachsenen Deutschen beteiligen sich jährlich mindestens einmal daran. In Spielbanken, die deutlich fairer ausschütten, gehen nicht einmal fünf Prozent.

          Was die Herkunft der Lottospieler angeht, so stammen sie zumeist aus Haushalten mit eher niedrigen Einkommen. Die Vorstellung, sich durch einen Hauptgewinn sozial nach oben zu bewegen, ist empirischen Studien zufolge am unteren Rand der Mittelschicht am stärksten verbreitet. Geringe Bildung lässt in manchen Fällen außerdem die Chancen auf einen solchen Aufstieg höher erscheinen, als sie wirklich sind. Goutiert wird außerdem in weniger gut gestellten Kreisen, dass Lotterien weder Leistung noch Status voraussetzen, sondern die Begünstigung völlig blind verteilen.

          Je ärmer, desto spielfreudiger

          Gerecht geht es deshalb beim Lotto aber noch lange nicht zu. Denn der Genuss der Gewinnchance, die der Lottospieler kauft, wird aufgrund des vom Staat einbehaltenen Einnahmenanteils von etwa 40 Prozent extrem hoch besteuert. Relativ zum Einkommen spielt dabei das untere Einkommensfünftel der Bevölkerung am intensivsten, wenn es etwa drei Prozent seines Nettolohnes für Lotto ausgibt. Die Lottosteuer wirkt also stark regressiv. Teilt man die Bevölkerung in fünf Bildungsstufen ein, so sinkt der Spieleinsatz bei jeder nächsthöheren Stufe um etwa zehn Prozent.

          Dabei spielen Beschäftigte erklärlicherweise eher als Arbeitslose, was aber nur für die Entscheidung gilt, überhaupt am Spiel teilzunehmen. Unter den Spielern selbst geben die Teilzeitbeschäftigten mehr aus als Personen mit Vollzeitjob. Lottospieler haben also im Durchschnitt kein höheres oder niedrigeres Einkommen als Nichtspieler, unter den Spielern hingegen spielt das Einkommen für die Spielintensität eine erhebliche Rolle: Steigt das Einkommen eines Spielers um ein Prozent, so steigen seine Spielausgaben nur um knapp 0,3 Prozent.

          Die Lotterie ist eine Form staatlicher Ausnutzung

          Die Lotterie ist also eine Form staatlicher Ausnutzung der Hoffnungen von Mittelschichten mit geringer Bildung und durchschnittlichem Einkommen. Das gilt auch, wenn man die „gemeinnützigen“ Ausschüttungen der staatlichen Lotterien berücksichtigt. Die Forscher haben sich den größten Bereich angeschaut, der durch zweckgebundene Abgaben unterstützt wird, den Breitensport. Aufgrund ihrer repräsentativen Umfrage stellen sie fest, dass die Mitglieder in Sportvereinen und die Lottospieler sich soziodemographisch wenig ähneln. Nicht die Spieler, sondern die Nichtspieler sind es, die den größten Nutzen aus den sogenannten Lottomitteln ziehen, ein Befund, der bei Ausschüttungen im Bereich der Hochkultur noch stärker ausgefallen wäre.

          Die Umverteilung von unten nach oben erfolgt beim Lottospiel also nicht nur auf der Einnahmen-, sondern auch auf der Ausgabenseite. Da sich diese Ungerechtigkeit kaum durch ein Zwangslotto für Besserverdienende wird beheben lassen, schlagen die Autoren vor, die Lotttomittel stärker von Sport und Kunst und Denkmalpflege abzuziehen, um sie der nichtgymnasialen und der vorschulischen Bildung zufließen zu lassen. Dann kämen, die besteuert werden, auch in den Genuss der staatlichen Leistungen, die mit dieser Steuer bezahlt werden.

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